Lockerungsübungen für Künstler
Die neue Kunstszene in der DDR Von Joachim Nawrocki
Mit staunenden Augen haben westliche Kunstkenner entdeckt, daß es in unmittelbarer Nachbarschaft, in der DDR, eine beachtenswerte Kunstszene gibt. Alle Vorstellungen von der Auftragskunst, dem Arbeiterdenkmal und der Schinkenmalerei sind zwar noch existent, werden aber als unerheblich beiseite gewischt, damit der Blick frei werde für die neuen Tendenzen, die sich vor allem in der Malerei abzeichnen: Da gibt es Farben, kalt wie bei Dali, Frosch- und Vogelperspektiven, Weitwinkeleffekte, manierierte Posen, Liebespaare, Motorradfahrer, Apokalyptisches.
Die Kunststrategen der SED, geschmeichelt von DDR plötzlich genießen, scheuen auch das kritische Urteil jener blasierten und verwöhnten Ästheten nicht mehr, die sich an Pop und Op, Pariser und New Yorker Schule satt gesehen haben. Eine Ausstellung des virtuosen Leipziger Malers Werner Tübke, die in Italien außerordentlichen Anklang fand, war nach Westdeutschland noch, nicht zu bekommen. Aber nachdem in der West Berliner Ladengalerie DDR Kunst ihren ersten Auftritt hatte, gibt es jetzt bis Ende Juni eine Ausstellung in der Majakowski Galerie der West Berliner Gesellschaft für deutsch sowjetische Freundschaft.
Trotz des gewählten Themas „Völkerfreundschaft und Solidarität", das Originalität nicht gerade stimuliert, ist auch hier, vereinzelt, Ungewohntes zu sehen: die Graphiken von Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig zum. Beispiel, und die witzigen Kleinplastiken von "Klaus Schwabe und Joachim Jastram. Zur Eröffnung der Ausstellung sprach der Ost Berliner Kunsthistoriker Eberhard Bartke über „Kunst und Künstler in der DDR", anschließend gab es eine Diskussion, an der sich auch Bernhard Heisig beteiligte.
Ergebnis der Diskussion: Westlichen Augen bietet sich hier manches, das man in der DDR nicht vermutet hatte. Zwar versuchte Bartke, alles , was in der Ausstellung und von Diapositiven gezeigt wurde, unter einem sehr weitgespannten Begriff des „sozialistischen Realismus" zu subsumieren, der eben nur zwei Jahrzehnte lang im Westen totgeschwiegen worden sei. Jetzt, wo das Totschweigen nicht mehr helfe, werde versucht, „die revolutionäre Kunst in die bürgerliche Kunst einzuführen, um sie zu entschärfen". Bartke sprach davon, daß die Künstler auf der Suche, nach einem neuen Verhältnis zur Wirklichkeit seien. Vorstellungen von Reglementierungen der Kunst seien absurd, sagte er, aber eshäbeauch solche Erscheinungen gegeben, das sei „im Herausbildungsprozeß einer neuen Kunst nicht zu vermeiden", doch habe dies die Kunstentwicklung der DDR kaum tangiert.
Darüber kann man sicher streiten. Einleuchtender ist es schon, wenn Bartke meint, das Grunderlebnis des DDR Künstlers sei die Erkenntnis, daß der Mensch wandelbar sei (vergleiche man nur 1945 mit 1972) und, das vor allem, sich jetzt auch eine sehr talentierte, neue Generation zu Worte meldet.
Als das Publikum kritisierte : daß die Ausstellung in der Majakowski Galerie zu politisch geraten sei, versicherte Bartke, nicht alleKunst in der DDR sei politisch, die Landschaft spiele eine Rolle, das Stilleben, aber viel zuwenig noch der Akt. Bernhard Heisig ergänzte, es gebe noch eine gewisse Prüderie, aber „wir hoffen, daß sich die Dinge lockern". Eine ungenannte Dame auf dem Podium leuchtete, wohl ungewollt, ein wenig hinter die Kulissen: „Wenn man bei den Künstlern im Atelier sagt, zeig doch n bißchen mehr, findet man die Dinge auch Das heißt: Nicht alles, was in der DDR gemalt wird, wird auch gezeigt, aber heute kann offenbar mehr gezeigt werden als noch vor einem Jahr.
Erich Honecker, der seit Mai 1971 amtierende Parteichef, hat die Künstler zum „ganzen Reichtum ihrer Handschriften und Ausdrucks weisen, zur „Fülle der JLebensäußerungen unserer Zeit" , zum „offenherzigen, sachlichen und schöpferischen Meinungsstreit" ermuntert „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht", sagte Honecker Ende vergangenen Jahres, „kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben. Das betrifft sowohl die Fragen der inhaltlichen Gestaltung als auch des Stils "
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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