Mandeln helfen beim Schlucken
Ursprünglich hielt man sie für gänzlich überflüssiges Gewebe am menschlichen Körper, zu nichts nütze, ja oft sehr lästig, weil sie sich entzünden und Nährböden für gefährliche Bakterien sein können — die Gaumen- und Rachenmandeln. Später wurde den Gebilden aus Lymphgewebe und Lymphknötchen die Rolle einer Verteidigungslinie in der Abwehr des Organismus gegen körperfremde Eindringlinge zuerkannt. Jetzt glauben zwei Mediziner vom Nuffield Institut der englischen Universität Oxford eine weitere Aufgabe der Tonsillen in Hals und Rachen entdeckt zu haben. Diese Mandeln, die Neugeborene noch nicht besitzen, füllen eineri Raum aus, der als Folge des Wachstums im Rachen entsteht. Ohne diese Füllung, die im Verein mit Zunge und Gaumen beim Schlucken die Nahrung in Richtung Speiseröhre quetscht, sind Ein- bis. Siebenjährige beim Essen arg behindert. Erst später gestaltet sich die Anatomie wieder so, daß Zunge und Gaumen — wie beim Säugling—den Nah rungstransport allein besorgen können.
Die britischen Wissenschaftler G. M. Ar dran und F. J. Kemp belegen diese ihre These über die Bedeutung der Tonsillen bei Kindern im Alter zwischen ein und sieben Jahren mit einer Fülle von Röntgenbildern des Kopfes, die zum Teil während des Schluckens oder beim Sprechen aufgenommen worden sind.
In ihrem Bericht im „American Journal of Roentgenology, Radium Therapy and Nucleär Mediane" (Band. 114, Seite 268) warnen die Oxforder Ärzte vor der früher üblichen, aber auch heute noch gelegentlich empfohlenen Entfernung der Gaumen- oder Rachenmandeln von Kleinkindern nach mehrfachen Entzündungen dieser Gewebe. Man solle lieber einige Mandelentzündungen in Kauf nehmen, als das Risiko einzugehen, mit dem Herausnehmen der Mandeln das Essen für kleine Jungen oder Mädchen problematisch zu machen. V. G.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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