Mann der "neuen Mitte"

Senator George McGovern: ein Linksliberaler will ins Weiße Haus / Von Dieter Buhl

Wenn es noch eines Beweises dafür bedurft hätte, daß die amerikanischen Vorwahlen mehr sind als politische Sandkastenspiele mit ungeheurem Geld- und Energieaufwand, dann hat ihn George McGovern erbracht. Der weithin unbekannte Prärie Politiker profilierte sich im Ringen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten als eine politische Potenz, die nicht nur die eigene Partei, sondern auch Amerika verändern könnte. George McGovern hat sich binnen weniger Monate aus der Rolle eines obskuren Außenseiters In die Favoritenposition yorgekämpft. Bei der kalifornischen Primärwahl in der kommenden Woche wird sich zeigen, ob er die Spitzenstellung halten kann und womöglich einen Monat später auf dem Parteitag der Demokraten zum Präsidentschaftskandidaten nominiert wird.

Die Zeichen dafür stehen günstig. Der Senator aus Süd Dakota verfügt derzeit über alle Vorteile, die ein amerikanischer Politiker zum Erfolg benötigt. Er tritt in Kalifornien im Glanz vorhergehender Vorwahlgewinne an, und das könnte bedeuten, daß sich auch die Wähler im größten Bundesstaat an seinen Siegeszug anhängenwerden; ihm steht eine Legion gut organisierter Helfer zur Seite, und seine Wahlkampfkasse ist gut gefüllt. Wichtiger noch: George McGovern scheint mehr und mehr den Ton zu treffen, der derzeit bei der Mehrheit der Amerikaner ankommt.

Anzeige

Das ist das Erstaunlichste am Phänomen McGovern. Denn der sanftmütig wirkende Sohn eines Methodisten Pfarrers, der selber einmal Prediger hatte werden wollen, plädiert für eine Politik, die weitab von der Mitte der Meinungen angesiedelt ist. In seinem Programm sehen viele eine Renaissance des Populismus, jener rustikal radikalen Bewegung, mit der Ende des vergangenen Jahrhunderts die Farmer des Mittleren Westens und Südens ihrem Zorn über die alles beherrschenden EisemSahngesells chaften, Banken und Großkonzerne Ausdruck verliehen. Doch wie sich McGovern mit seinen 50 MarkKrawatten und seiner japanisch dekorierten Pracbtvilla in einem der elegantesten Vororte Washingtons im Stil von Jerry „Ohne Strumpf" Simpson und „Mistgabel Ben" Tillmann abhebt, so unterscheidet sich auch seine politische Philosophie von der jener frühen Protagonisten des Populismus.

Der hochdekorierte Bomberpilot des Zweiten Weltkrieges führt keinen proletarischen Feldzug, sein Programm ist nicht aus ohnmächtiger Wut, nicht aus selbsterlebter Not und Bedrängnis geboren wie der Aufstand der ersten Populisten gegen die Bastionen der Reichen. McGoverns Konzept ist vielmehr trotz aller klassenkämp_ferischen Züge kühl kalkuliert. In der Tradition Woodrow Wilsons und Robert LaFollettes will er, daß Amerikas Führung humaner und glaubwürdiger ist, daß die gesamte amerikanische Gesellschaft sozialer wird.

Mit der Offenheit, die er selber zu seinen größten Vorzügen zählt, hat McGovern Zahlen und Fakten genannt. Als Präsident will er jedem Amerikaner Arbeit garantieren, das Bildungssystem durch enorme staatliche Zuwendungen verbessern und das friedliche Zusammenleben von Weißen und Schwarzen auch mit Hilfe des ungeliebten busing von Schulkindern forcieren. Noch mehr Aufsehen hat der Senator mit seinen finanz- und steuerpolitischen Vorschlägen erregt. Mit dem Hinweis darauf, daß derzeit 40 Prozent der amerikanischen Firmen überhaupt keine Steuern zahlen, will er die Körperschaftssteuer wieder auf 52 Prozent erhöhen. Jedes Einzeleinkommen über 50 000 Dollar jährlich soll mit einer Steuerlast von 75 Prozent belegt werden, und die Erbschaftssteuer bei Vermögen über eine halbe Million Dollar soll 77 Prozent betragen. Schließlich, und das ist eines seiner brisantesten Vorhaben, will er den amerikanischen Verteidigungsetat innerhalb von drei Jahren um 32 Milliarden Dollar kürzen.

Kein Wunder, daß nicht nur seine Gegner in George McGovern einen Radikalen sehen. Aber der Erfolg bei den bisherigen Vorwahlen hat ihm recht gegeben. Die meisten gemäßigten Präsidentschafts Aspiranten seiner Partei, an ihrer Spitze der favorisierte Edmund Muskie, sind auf der Strecke geblieben. Das politische Zentrum, auf das sie ihre Hoffnungen setzten, hat sich als Fließsand erwiesen. Statt dessen hat sich eine Radikalisierung der Mitte offenbart, die zur Chance für Außenseiter wie McGovern — aber auch für George Wallaee wurde.

Die Erfolge dieser beiden Politiker sind die Überraschung des bisherigen Vorwahikampfes. Zwischen ihnen, dem linken und dem rechten Pol des politischen Spektrums, sind denn auch manche Parallelen gezogen worden, so bei ihren Attacken auf den übermächtigen Einfluß der Regierung, der Riesen Gewerkschaften und des big demokratischen Kandidaten sind indessen größer als die Gemeinsamkeiten. Während Wallaee weitverbreitetes Unbehagen durch Appelle an niedrige Instinkte noch zu potenzieren suchte, bis die Kugeln des Attentäters seine aktive Teilnahme am Wahlkampf beendeten, bemühte sich McGovern, die allgemeine Mißstimmung der Amerikaner auf positive, programmierte Ziele zu leiten, in eine Stärkung der neuen Mitte" umzumünzen. Seinen Anhängern imponiert der „radikale Sonntagsschullehrer" mit einem weitgesteckten Programm und mit seiner Integrität. Er sei der einzig anständige Mann im Senat", lobte ihn Robert Kennedy. Seine Gegner stellen diese Integrität nicht in Zweifel, sondern versuchen, sie gegen ihn auszuspielen, indem sie ihn der Blauäugigkeit und Weltfremdheit zeihen. Sie übersehen dabei, daß McGovern nicht nur ein Moralist und Idealist ist, sondern auch ein cleverer Politiker. Daß er auch Ellenbogen hat, bewies er, als er Ende der fünfziger Jahre als erster Demokrat in seinem republikanisch konservativen Heimatstaat Süd Dakota ins Repräsentantenhaus und wenige Jahre später sogar in den Senat gewählt wurde.

Service