Moralgehabe und Interesse
Spätestens seit dem Münchner Parteitag der CSU ist es offenkundig, daß die Opposition Neuwahlen scheut wie der Teufel das Kruzifix. Franz Josef Strauß hat einen regelrechten Veitstanz um die vom abwesenden Fraktionschef Barzel so genannte „sympathischste Lösung" aufgeführt, um den Wählern — vor allem denen nördlich des Weißwurstäquators — nicht geradeheraus sagen zu müssen, daß ein Urnengang derzeit unerwünscht wäre.
Doch das ganze verfassungspolitische Moralgehabe ist unnötig. Denn zumindest bis nach der Sommerpause des Bundestages besteht eine große Interessen Koalition aller Bonner Parteien, keine Neuwahlen auszuschreiben. Sie müßten nach dem Grundgesetz binnen sechzig Tagen abgehalten werden. Bei einer Parlamentsauflösung noch im Juni fielen sie also mitten in die Sommerferien. Niemand aber weiß, wie viele bundesdeutsche Auslandstouristen zur Brief wähl schreiten und wem die Stimmen der Enthaltsamen zugute kommen würden. Vor September mag deshalb auch keiner daran denken, die Wähler zum Stichentscheid zwischen den Parteien aufzurufen.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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