Neun Mark für Asta Nielsen

Im Ersten Weltkrieg könnte man ihr Bild in den U Boot Kojen beider Seiten finden: Sie war das Idol ihrer Zeit mit geprägt. Sie, die Dänin aus kleinen Verhältnissen, Tochter einer "Waschfrau und eines Straßenbahnschafiners, hat geholfen, dem deutschen Film in seiner „Stumm- und Drangperiode" Weltgeltung zu verschärfen. Sie war „unvergleichlich", Zeit , Weg- und Berufsgenossen in vielem überlegen. Sie war superschlank, hatte ein unregelmäßiges Gesicht, ungewöhnlich große dunkle Augen, einen großen sensiblen Mund; es hieß damals, daß ihr „nichts unmöglich" sei, sie konnte Häßliche, Verkommene, Grausame, sie konnte Damen, und Schöne spielen.

War zum Beispiel eine Henny Porten ein „Genie" der Arglosigkeit, so war Asta Nielsen fähig, dem Film neue Bezirke zu erschließen, psychische Abgründe. Bezeichnend sind Filmtitel wie Die freudlose Gasse" von 1925 (mit Greta Garbo, Drehbuch: Willy Haas) und „Dirnentragödie" von 1926.

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Asta Nielsen, die vom Theater kam und sich erst spät vom Theater ganz trennte, zu deren Glanzleistungen die Kameliendame, Fräulein Julie, Hedda Gabler und Lulu gehörten, hat den Darstellungsstil im Film ihrer Zeit grundlegend verändert „Filmspielen", sagte sie selber, „hieß damals (sie meinte die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg), durch pathetische Bewegung die Sprache ersetzen. Ich versuchte als erste, so etwas wie einen seelischen Vorgang, wie eine innerliche Empfindung vor der Linse der Kamera wiederzugeben. Der Erfolg war ungeheuer Die Übertreibung der Pantomine, die die Sprachlosigkeit kompensiert, wurde zurückgenommen, der Mikrobereich des mimischen Ausdrucks entdeckt: Großaufnahmen als Monodramen, auf die sich der Film die „Handlung" momentweise suspendierend, immer wieder zurückziehen kann. Daran waren zweifellos auch ihre Regisseure, der Däne Urban Gad (zugleich der erste ihrer vier Ehemänner) und die Deutschen Lubitsch, Pabst, Jessner beteiligt. Der entscheidende Punkt ihrer Genialität lag woanders: in der Fähigkeit, innerhalb ihrer enorm großen Skala überall auch Schlichtheit und Natürlichkeit zu organisieren und durchzusetzen.

Viele Zeitgenossen waren von ihrer Stimme fasziniert, von ihrem Alt. Diese Stimme", schrieb ihr Landsmann Georg Brandes, „vereint die Anziehungskraft von Männlichkeit und Weiblichkeit, sie besitzt die Schönheit des Hermaphroditen. Die Gestalt Julias, aber die Stimme Romeos "

Ihr erster Tonfilm, „Unmögliche Liebe" (193132), war zugleich ihr letzter Film, die Produzenten boten ihr keine Engagements, mehr an. Das lag nicht nur daran, daß sie Deutsch immer noch mit dänischem Akzent sprach. Das lag am Wandel des Zeitstils. Es war der Vorabend einer Kunstentwicklung, der weniger an der wahrhaftigen Demonstration der Psydie als an der Schönfärberei der Menschen und der Gesellschaft lag — Schönfärberei als internationale Bewegung: Daran war nicht nur das nazistische Deutschland schuld, sondern auch das Amerika Hollywoods und das stalinistische Rußland. Seit 1937 lebte Asta Nielsen wieder in ihrer Geburtsstadt Kopenhagen, zurückgezogen. Lange wurde ihr die Konzession für ein Kino verweigert. Sie, die bei einem Empfang in Berlin im Jahre 1933 Hitler, was die Verdienste der Juden an der Kunst betrifft, schonungslos die. Wahrheit „gestoßen" hatte, wurde der Kollaboration bezichtigt.

Erst 1963 konzedierte ihr das dänische Parlament einen Ehrensold von etwa 3375 Mark jährlich: neun Mark täglich einer Schauspielerin, die den Darstellungsstil im Film, weltweite Maßstäbe setz end und den Ruhm Dänemarks als einer Filmnation mehrend, umgekrempelt hatte.

 
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