LOKA t ZEIT Nichts gegen die Neger, aber...
Rassendiskriminierung in Bonn? Unmöglich, das gibt es nicht. Denn siehe Grundgesetz Artikel 3 Absatz 3: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden Was also nicht sein darf, nicht sein kann? Das Studentenwerk an der Bonner Universität und andere, stets bemüht, den Studiosi bei der Beschaffung einer Studentenbude behilflich zu sein, hat da allerdings seine eigenen Erfahrungen. Haben deutsche Studenten angesichts der Budenknappheit schon Schwierigkeiten genug, an eine Bleibe zu kommen, so ist ihre Misere bei der Zimmersuche nur ein Bruchteil dessen, was ausländische Studenten erwartet. Zumal wenn sie aus Ländern der „Dritten Welt", vornehmlich aus Afrika kommen, um hier zu studieren. Zimmer, die nachweislich noch frei waren, sind, sobald sich ein farbiger Kommilitone beim Hauswirt vorstellt, plötzlich schon vermietet. Das Studenten werk: „Während deutsche Studenten meist nach zwei oder drei Tagen ein Zimmer gefunden haben, sind farbige Studenten oft wochenlang unterwegs Nicht aber, weil sie höhere Ansprüche stellen, sondern weil sie eine andere Hautfarbe besitzen.
Kaum einer, der die Vermietung an farbige Studenten ablehnt, hält sich für einen „Rassisten". Die meisten haben „nichts gegen die Neger", dafür aber offensichtlich um so mehr Vorurteile. Vor allem, was die Lebensweise der Ausländer betrifft. Das fängt bei der angeblichen „Vielweiberei" an und hört bei den Essensgewohnheiten noch lange nicht auf.
Das Schlimme daran ist: Vorurteile sind nur schwer auszuräumen. Kaum einer, der keinen Farbigen bei sich aufnehmen will, hat jemals einen beherbergt. Aber man weiß ja eben, „was mit denen los ist".
Manche sollten das „Experiment", einem afrikanischen Studenten ein Zimmer zuzuweisen, ruhig einmal wagen. Sie würden überrascht feststellen, daß sich diese Untermieter von ihren deutschen Kommilitonen kaum unterscheiden. Wenn man eben von der Sprache und der Hautfarbe einmal absieht.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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