Unsere Sorache Patt
Die Regierungskrise in Bonn viel mehr als die bevorstehende Herausforderung des Weltmeisters in Reykjavik scheint uns zu einem Volk von Schachspielern gemacht zu haben — schlechten Schachspielern, leider. Wir taumeln von Patt zu Patt.
In Journalisten- und Politikerkreisen war das Wort „Patt" schon immer sehr beliebt, um eine verfahrene Situation zu bezeichnen. Aber auch Metaphern sollte man doch besser aus Gebieten holen, auf denen man sich einigermaßen auskennt.
„Patt" bezeichnet gewiß eine ausweglose Situation, aber diese Situation ist von ganz besonderer Art. Und wenn jemand für Bonn einen „Ausweg aus dem Patt" sucht, dann muß ihm ein schlichter Schachspieler entgegnen: „Patt" meint eben gerade jene ernstgemeinte Ausweglosigkeit, die dadurch definiert ist, daß es einen Ausweg nicht gibt, nie geben wird. Das Spiel ist Dazu bezeichnet „Patt" eine völlig undemokratische Ausweglosigkeit, wie es sie nur dort geben kann, wo alles, Gedeih und Verderb, Sieg oder Niederlage letztlich auf eine Figur zugeschnitten ist: auf den König. Von „Patt" könnte überhaupt keine Rede sein, wo — wie bei uns — die Funktionen des Königs sich notfalls auch auf eine Dame oder gar auf einen Springer übertragen ließen.
Wenn im Schachspiel der König, ohne direkt bedroht zu sein, mit jedem Schritt, den er macht, sicheren Selbstmord beginge (ins „Matt" zöge), dann erklärt die höhere Ungerechtigkeit eines königstreuen Spiels diese ausweglose Lage nicht etwa zur Niederlage für den König (was sie eigentlich doch ist), sondern läßt ein höchst fragwürdiges, nur aus der hochfeudalen Herkunft des Schachspiels zu erklärendes „in dubio pro rege" gelten: Das Spiel endet unentschieden.
So ist es auch (aber dies nur für Fortgeschrittene) zu erklären, daß eine Ausweglosigkeit von der Art des „Patt" noch zwei Eigentümlichkeiten hat, die auf die Bonner Situation gar nicht passen: Bei Gegnern, die Schach spielen können und wo das Patt daher nicht aus reiner Schusseligkeit „passiert", wird die Ausweglosigkeit des Patt keineswegs gescheut, sondern sie wird geradezu angestrebt, und zwar von dem Schwächeren, der auf diese Weise aus einer eigentlich verlorenen Partie noch ein Remis (Unentschieden) herausholt.
„Remis" wäre daher wohl auch das Wort, das — wenn es schon eine Schach Metapher sein muß — am ehesten dort stehen könnte, wo während der letzten Wochen in allen Zeitungen immer wieder „Patt" stand. Aus einer komplexen Remis Stellung auf vollem Brett kann es, anders als aus einem Patt, noch Auswege geben. Remis kann in einer solchen Situation „angeboten", kann aber auch abgelehnt werden.
So ganz entspricht das vielleicht wiederum nicht dem, was die Patt Schreiber eigentlich sagen wollen. Im Zweifelsfalle sollten sie sich an die gute alte Regel halten: genau das zu sagen, was sie meinen.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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