Wie ein Bauunternehmei Textilfirmen schluckt Rätselraten um 60 Millionen
Seine Millionen verdiente der 62jährige Augsburger Hans Glöggler als Baustoffhändler. Jetzt dienen sie ihm dazu, um sich als einer der führenden Textilindustriellen der Bundesrepublik zu etablieren.
Schon vor drei Jahren hatte Glöggler 90 Prozent der Hanfwerke Füssen Immenstadt AG, Füssen (geplanter Umsatz 1972: rund 72 Millionen Mark) an sich gebracht. Im Februar dieses Jahres stieg er in die Mech. Baumwoll Spinnerei und Weberei Augsburg (SWA) ein, die seit 1960 keine Dividende mehr gezahlt hatte und die in dieser Zeit rund 20 Millionen Mark Verluste verkraften mußte. Die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank überließ ihm 92 Prozent des Kapitals von 12 6 Millionen Mark zu einem Kurs von gut 120 Prozent. Er zahlte also rund 13 Millionen Mark.
In der vergangenen Woche schließlich überraschte Hans Glöggler die Branche mit einer neuen Erfolgsmeldung. Für rund 60 Millionen Mark übernahm er von der Schweizer Familie Wolfrund 50 Prozent der Erlanger Textilfirma Erba AG, eines der renommiertesten Unternehmen der deutschen Textilindustrie (Umsatz 19711 rund 260 Millionen Mark). Ein weiteres Aktienpaket von zehn Prozent kaufte; er der Thurnund Taxisschen Generalkasse ab. Die Aktien kaufte der Augsburger zum Börsenkurs von knapp 350.
Nach seinem Erba Engagement kommt Glöggler jetzt auf einen Gruppen Textikunsatz von etwa 400 Millionen Mark. Damit wird er in der Bundesrepublik nur noch von drei Konkurrenten übertroffen: von dem mit einem Außenumsatz von etwas über 400 Millionen Mark knapp vor Glöggler rangierenden Dierig Konzern in Augsburg, von der Adolff Gruppe in Backnang mit 407 Millionen Mark (1970) und Branchen Spitzenreiter Gerriü van Delden im westfälischen Gronau mit 473 Millionen.
- Bei seinem Kampf um Erba kam Glöggler, der in jungen Jahren einmal als Hilfsarbeiter in einer Textilfabrik geschuftet hatte, im übrigen mit einem anderen Branchen Newcomer ins Gehege: mit dem Münchener Kaufmann Ludwig Kuttner, 60. Kuttner hatte die NAK Stoffe KGaA in Augsburg und die Pongs & Zahn AG ; in Bochum unter seine Kontrolle gebracht und zu Beginn dieses Jahres durch den Konkurs der Stoffdruckerei Göcke & Sohn AG in Hohenlimburg über die Branche hinaus Kritik ausgelöst. Ruttner, der;an der Firma zu, 50 Prozent beteiligt war — die andere Hälfte la g bei der Wuppertaler Textilindustriellen Familie Frowein —, geriet in den Verdacht, Göcke nicht ganz ohne Absicht aus dem Markt genommen zu haben.
Noch während der „Fall Göcke" diskutiert wurde, verhandelte Ludwig Kuttner aber bereits mit der Familie Wolf über den Kauf der Erba. Das Geschäft kam jedoch nicht zustande, weil der Münchener offenbar nur einen wesentlich unter dem Börsenkurs liegenden Preis akzeptieren wollte.
An seiner Stelle kam dafür Hans Glöggler zum Zuge. Nach wie vor sind allerdings die näheren Umstände des Handels umstritten. Glöggler Sohn Axel, 29, seit kurzem stellvertretendes Vorstandsmitglied der Mech. Baumwollspinnerei und Weberei, versichert, daß der Kaufabschluß schon seit längerer Zeit perfekt sei. Insider behaupten dagegen übereinstimmend, daß erst am vergangenen Donnerstag der Vertrag definitiv zustande gekommen sei.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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