Lesen und Reisen: Rilke in Ragaz
Ragaz, der kleine Badeort im schweizerischen Kanton St. Gallen, hat sich anläßlich des hundertjährigen Bestehens seiner Kuranlagen an einen seiner prominenten Besucher erinnert: an Rainer Maria Rilke. Ein kleines illustriertes Bändchen zeichnet die vielschichtigen Beziehungen des Dichters zum Wartenstein, zu Bad Ragaz und zu Bad Pfäfers, nach (Ingeborg Schnack, „Rilke in Ragaz herausgegeben von den Thermalbädern und Grandhotels Bad Ragaz ) In den Jahren 1924, 1925 und 1926 verbrachte Rilke mehrere Monate- in. Bad Rsgaz. Er folgte einer Einladung seiner- alten Gönnerin, der Für- , stin Marie von Thurn und Taxis, die im „Grand Hotel" Hof Ragaz" abzusteigen pflegte. Für den Ragazer Kurgast dieser Tage ist der Blick fünfzig Jahre zurück sicher amüsant und aufschlußreich. Er kann etwa den Spuren Rilkes in die schaurigschöne Tamina Schlücht folgen und nachlesen, wie der Dichter den Spaziergang in einem seiner Briefe schildert. Er mag auf den kleinen Kirchhof gehen und dabei eines der neun Gedichte fesen, die Rilke über diesen Gottesacker verfaßte. Wenn der Kurgast des Jahres 1972 Glück hat, dann findet er die Gedichte „Im Kirchhof zu Ragaz" heute in der Ragazer Buchhandlung. Rilke war seinerzeit mit dem Örtlichen Sortimenter gar nicht zufrieden; scherzhaft soll er einmal geäußert haben, er werde am besten selbst die Buchhandlung übernehmen, um den Leuten die Bücher, die er selber liebte, anpreisen und erklären zu können.
Die rührendste Episode der Ragazer Tage ist jene flüchtige Begegnung mit der achtzehnjährigen Telegraphistin des Postamts von Ragaz, bei der Rilke seine Depeschen auf den Weg brachte. Alice Eurer, so hieß das Mädchen, hatte sich ein Herz genommen, und „den größten lebenden deutschen Dichter" um eines seiner- „für das Volk bestimmten- Werke zum Lesen" gebeten. Rilke traf sich mit Alice zum Tee im „Hof Ragaz 1 und überreichte ihr das „Buch der Bilder" mit einem seiner letzten Gedichte als Widmung:
„Wie waren Sie im Recht, dem Wunsche nachzugeben, von meiner eignen Hand beschenkt 2 u sein! Viel zuviel Zögern unterbricht das Leben: singt einer auf, so stimmt der andre ein. Was wir versäumen, das bleibt an uns hangen; die Zeit wird schwer von dem, was man verschweigt. Vielleicht, bevor Sie wünschten, zu empfangen, war ich zum Geben schon geneigt F. R.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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