Sanfter Zwang zur Gesundheit

Wenn Gustav H im Ostberliner Bezirk Köpenick Nierenschmerzen hat, geht er zu. seiner Hausärztin, die seit mehr als 20 Jahren die Familie betreut -Er bekommt eine Nummer mit einem Termin für den nächsten Vormittag um elf. Trotz Nummer muß er am nächsten Vormittag warten. Doch Gustav hat Zeit: er ist Rentner. Schließlich wird er untersucht und überwiesen zum Facharzt, der ihn in die Urqlogische Abteilung inr Städtischen KrankenhausTriedrichshain einweist. Friedrichshain beherbergt eines der 24 Nierenzentren der DDR. Gustav H benötigt keines der acht Betten, die hier für die sogenannte Blütwäsche reserviert sind. In einem normalen Dreibettzimmer verbringt er die drei Wochen bis zu seiner Entlassung.

Er hat freie Arztwahl. Er kann, wenn er sich krank fühlt, zu seiner Hausärztin gehen, die in einer der etwa 2000 Privatpraxen arbeitet, die heute, noch in der DDR existieren, er kann aber auch, eine staatliche Arztpraxis wählen, ein Ambulatorium, eine Poliklinik.

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Seine Tochter Hilde, Halbtagsserviererin in einer Konsum Gaststätte in Köpenick und Mutter von zwei Kindern, bevorzugt das nahe StadtAmbulatorium: „Da muß ich nicht so lange warten. Außerdem sind die da :

technisch besser ausgerüstet als unsere alte Hausärztin "

Nicht immer geht es allerdings in Polikliniken und Ambulatorien schneller als in der Einzelpraxis. Laut DDR Zeitungen wollen einige Poli kliniken den Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit" erringen, indem sie sich bemühen, ihre Patienten weniger lange warten zulassen. Extrem lange Wartezeiten bei Zahnärzten sind immer noch beliebtes Thema fürs Kabarett.

Auch über modernste Apparaturen können sich bisher nur Schwerpunktkrankenhäuser und neu eingerichtete Polikliniken und Ambulatorien freuen Ärzte, die in alten Krankenhäusern und Polikliniken arbeiten (und das ist bisher die Mehrzahl) klagen noch oft über den Mangel an moderner Ausstattung. Für westliche Geräte fehlen Devisen, eigene Produktionen steckte man bisher lieber in den devisenspendenden Export. So bohren zum Beispiel noch längst nicht alle Zahnärzte der DDR mit Turbinenbohrern. Ein Vorteil ist jedoch Hilde H im Ambulatorium gewiß: Ärzte verschiedener Spezialgebiete arbeiten hier Tür an Tür. Als sie wegen Magenschmerzen ins Ambulatorium zum praktischen Arzt ging, der eine Gastritis vermutete, brauchte sie ihre Schmerzen nur eine Tür weiterzutragen, zum Facharzt für Inneres. Er schrieb sie krank und schickte sie später zur Kur.

Ih Affibalätorien (die es "in größeren Städter! gibt, besonders aber in kleinen Landgemeinden) arbeiten meistens mehrere praktische Ärzte und Zahnärzte, je ein Facharzt für Innere Medizin (meist ist er der Leiter), für Kinderheilkunde und ein Frauenarzt. Nur wenn Hilde H an einer Krankheit leidet, für die das Ambulatorium keinen Facharzt bereithält, wird sie in die entsprechende Fachabteilung der nächsten Poliklinik geschickt.

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