Spaß an der Revolution

Eine Fiktion: Jerry Rubins Anti-Gesellschaft Von Jens van Scherpenberg

Kann man dieses Buch ernst nehmen? Will es überhaupt ernst genommen werden?

Jerry Rubin :„Do it! Scenarios für die Revolution"; rororoBd. 141113; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1971; 263 S, 4 80 DM In Pop Aufmachung (dem Ausstatter, Quentin Fiore, und dem Rowohlt Verlag für die getreue Übernahme ein Kompliment: diese optische Vielfalt ist man in einem Taschenbuch nicht gewohnt) reihen sich 43 Kapitel lang Episoden und programmatische Verkündungen zu einer phantastischen, gag sprühenden Polit Harlekinade. Dem äußeren Zusammenhalt nach stellt sie sich dar als Chronologie der Entwicklung des Amerikaners Jerry Rubin vom fleißigen College Studenten und fähigen Sportreporter — voni typischen Photo scheint mir ein Schlüssel zum richtigen Verständnis des ganzen Buches) — zu einer der herausragenden Figuren in der amerikanischen Studentenbewegung. Diese Bewegung selbst wird hier, mit all ihren Besonderheiten, durch die sie europäischen linken Studenten anfangs vielleicht faszinierend, später nur mehr irritierend erschien : noch einmal eingefangen.

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Jerry Rubin war immer an den Brennpunkten des Geschehens: beim Free Speech Movement der mittsechziger Jahre in Berkeley, beim Sturm aufs Pentagon während der großen Anti Kriegs Demonstrationen von 1967, in der „Schlacht von Chicago", also den blutigen Unruhen während des Nominierungskonvents der Demokratischen Partei im Sommer 1968 die ihn als einen der „Chicago Sieben" vor Gericht und ins Gefängnis brachten.

Memoiren eines Bürgerschrecks? Nein, nein, Jerry Rubin macht weiter. Erst vor ein paar Wochen stand er wieder im Blitzlicht der Pressephotographen — sogar in deutschen Zeitungen wars zu sehen und zu lesen — und forderte seine Anhänger auf, innerhalb der Revolution der Unter Dreißigjährigen die Präsidentschaftskandidatur des demokratischen Senators George McGovern zu unterstützen. Sollte jemand diese Haltung konfus finden, so fügt sie sich doch nahtlos in die Konfusion von Rubins Buch. Form und Inhalt fließen hier untrennbar ineinander, so sehr, daß schließlich nur noch Form übrigbleibt, über dem Schwelgen im Wie? das "Was? verschwindet. Die Darstellung der Kämpfe auf dem Campus von Berkeley, der großen Anti Kriegs Kundgebungen in Washington, der Schlacht von Chicago läßt erkennen, was als wichtig angesehen wirdi weniger der Stellenwert solcher Aktionen in mittel- oder langfristigen Strategien zur Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern ihr unmittelbarer Effekt für die „Selbstverwirkli chung" (was immer das sein soll) der einzelnen Teilnehmer — Demonstrationen als Happening; Revolution muß Spaß machen.

Es ist banal, aber zum Fazit dieses. Buches wird genau sein Titel: „Do it!", und kein Quentchen mehr. An anderer Stelle: „Amerika sagt s Tus nicht! Die Yippies sagen: Tus!" (Yippies das sind Jerry Rubin und seine Anhänger, von: YIP = Yottth International Party ) Oder noch deutlicher — und vielleicht, wenngleich unfreiwillig, am ehrlichsten —: „Eine Gesellschaft, die das Abenteuer verdrängt, macht die Verdrängung eben dieser Gesellschaft zum einzigen Abenteuer " Dieses „Abenteuer" setzt genau keine Revolution voraus. Verdrängung, ist nicht Überwindung. Verdrängung ist hier: sich außerhalb stellen, sich eine eigene Sphäre schaffen, abgegrenzt gegen die Gesellschaft durch Sprache, Kleidung, lange Haare, ausgestaltet durch Drogen und neue Verhaltensnormen: das zu tun, was Amerika nicht tut.

So wie die bürgerliche „Gesellschaft" Im engeren Sinn eine Fiktion ist, da sie das Vorhandensein jener gesellschaftlichen Gruppe, durch die sie überhaupt erst ermöglicht wird, des Proletariats, verdrängt, ist auch die Anti Gesellschaft Jerry Rubins und seiner weißen Mittelstands Jugend eine Fiktion. Denn sie gewinnt ihr ganzes Selbstverständnis daraus, daß sie sich permanent auf eben jenen weißen Mittelstand bezieht, den sie doch — durch Verdrängung — überwunden zu haben glaubt.

Die „Kinder von Karl Marx und Coca Cola" sind getreue Produkte amerikanischer Erziehungs Muttersöhnchen. Von Karl Marx jedenfalls haben sie nichts. Dieses Buch will ernst genommen werden, das zeigen spätestens die vielen hochmütigen Ausfälle gegen die „politkos", die politisch arbeitenden Angehörigen der Neuen Linken in den Vereinigten Staaten. Und gerade dadurch gibt es sich der Lächerlichkeit preis. Macht man sich das aber beizeiten klar und nimmt es nicht ernst, dann ist es ein echter Spaß.

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