Um die wahren Ursachen drückt man sich herum

Die Stockholmer UN Konferenz über die menschliche Umwelt wird, wie sich schon heute erkennen läßt, der internationalen Öffentlichkeit demonstrieren, an welchen Hindernissen und Gegenkräften bisher alle Versuche, das Oberleben der Menschheit zu sichern, gescheitert sind. U Thant hat im Jahre 1969 erklärt: „Ich will die Zustände nicht dramatisieren. Aber nach den Informationen, die mir als Generalsekretär der Vereinten Nationen zugehen, haben nach meiner Schätzung die Mitglieder dieses Gremiums noch etwa, ein Jahrzehnt zur Verfügung, ihre alten Streitigkeiten zu vergessen und eine weltweite Zusammenarbeit zu beginnen, um das Wettrüsten zu stoppen, den menschlichen Lebensraum zu verbessern, die Bevölkerungsexplosion niedrig zu halten und den notwendigen Impuls zur Entwicklung zu geben. Wenn eine solche weltweite Partnerschaft innerhalb der nächsten zehn Jahre nicht zustande kommt, so werden, fürchte ich, die erwähnten Probleme derartige Ausmaße erreicht haben, daß ihre Bewältigung menschliche Fähigkeiten übersteigt "

Diese Erkenntnis gab für die Stockholmer Konferenz den Anstoß; niemand konnte sie durch stichhaltige Argumente entkräften. Trotzdem vermochte die Mahnung des Generalsekretärs der. Vereinten Nationen die politischen Widerstände, die sich der großen Neuorientierung in den kapitalistischen wie in den sozialistischen Ländern, in den Industrienationen wie in der Dritten Welt entgegenstemmen, nicht zu durchbrechen. Die meisten Entwicklungsländer haben in mehr oder weniger scharfer Form erklärt, sie hatten andere Sorgen. Sie widersetzen sich mit unbestreitbarem Recht einer unter der Perspektive der Industrienationen konzipierten UmweltPolitik,, die für die schlimmste aller UmweltBedrohungen — die Bevölkerungsexplosion und ihre unvermeidlichen Folgen — keine Lösung anzubieten hat und deshalb den Kern des Problems verfehlt.

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Die Industrienationen sind nicht bereit, sich auf eine Diskussion über die ökologischen katastrophalen Folgen ihrer Wirtschaftspolitik und ihrer Rüstungspolitik einzulassen. So dementieren sie selbst die Rhetorik, mit der sie die öffentliche Meinung über die Umweltgefahren zu beschwichtigen versuchen. Der Streit um die Zulassung der DDR zur Stockholmer Konferenz hat gezeigt, daß: für alle Beteiligten Prestigevorstellungen die einer versinkenden Welt angehören, größere Bedeutung haben als die Regelung des ökologischen Systems Europas.

Drastisch werden die Probleme der UN Konferenz dadurch beleuchtet, daß vom 1 bis 6. Juni in Stockholm als Konkurrenzunternehmen eine „Unabhängige Umweltkonferenz" veranstaltet wird, die sich immerhin auf die Mitwirkung von Nobelpreisträgern wie Salvador Luria und Jacques Monod und von weltbekannten Wissenschaftlern wie Sir Julian Huxley, Margret Mead und Paul Ehrlich stützen kann. Sie begründen ihr Unternehmen damit, daß die Stockholmer Konferenz sich „aus Repräsentanten souveräner Staaten zusammensetzt", „die auf Grund eben dieser Eigenschaft die jeweiligen nationalen Interessen ihrer Regierungen verteidigen" und deshalb zu einer Veränderung der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Struktur nicht in der Lage sein können. Diese Feststellung ist nicht zu bestreiten, wie immer man auch sonst die Initiative des internationalen Versöhnungsbundes „Dai Dong" politisch beurteilen mag.

Stockholm wird, wenn alles gut geht, den Kreislauf der Informationen beschleunigen und die Kommunikationsnetze verbessern. Audi die Konflikte, die dort aufbrechen werden, können zur Aufklärung der internationalen öffentlichen Meinung über die bedrohte Situation unseres Planeten beitragen. Aber strategische Operationen, die eine wirksame Veränderung der realen Verhältnisse herbeiführen könnten, sind von dieser Konferenz nicht zu erwarten.

Schon bevor die Stockholmer Konferenz begonnen hat, beweisen also die politischen Reaktionen auf dieses erste Experiment einer globalen Umweltpolitik, daß Umweltschutz und Umweltgestaltung in den Industrienationen unter einer falschen Perspektive diskutiert worden sind. Bisher hat sich die öffentliche Meinung nur über die äußeren Symptome der Bedrohung unserer Umwelt erregt. Die Regierungen haben sich bemüht, mit technischen Maßnahmen von sehr unterschiedlichem Wert, an diesen Symptomen herumzukurieren. Um eine Erkenntnis der Ursachen der Umweltkrise und um politische Maßnahmen -die das Übel an seiner Wurzel bekämpfen könnten, hat man sich wohlweislich herumgedrückt.

Bezeichnend für den engen Horizont gouvernementaler Umweltbetreuung ist der Bericht, den die Bundesregierung mit Unterstützung durch die Länder für die Umweltkonferenz der Vereinten Nationen „zusammengestellt" hat. Jede Kritik, die glaubwürdig sein soll, muß im eigenen Hause beginnen. Am deutschen Beitrag werden wir ablesen können, warum die führenden Industriemächte in ihrer gegenwärtigen Verfassung zu einer weitblickenden und konstruktiven UmweltPolitik nicht fähig sind.

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