Um Radiergummi und Millionen

Es ist eine alte gesellschaftspolitische Grundsatzfrage; und an ihr scheiden sich denn auch seit eh und je die Geister. Soll der Staat seine sozialen Leistungen bis zur totalen Perfektion treiben; oder soll er subsidiär erst dann und dort tätig werden, wo die finanzielle Kraft des einzelnen nicht ausreicht, um ohne unzumutbare Opfer mit den Widrigkeiten des Alltags fertig zu werden?

Im sozialpolitischen Bereich sind darüber schon Ministersessel ins Wanken geraten. Nun steht die gleiche Kontroverse auch den Schulen ins Haus, jedenfalls in der sozial liberal regierten Freien und Hansestadt Hamburg.

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Es geht um so harmlose Dinge wie Radiergummis, Bleistifte, Lineale und Schreibhefte; aber sie" bergen politischen Sprengstoff in sich. Dem Hamburger Senatsind Zweifel an der Richtigkeit und Effizienz der bisherigen Praxis gekommen, die sogenannten „kleinen Lernmittel" kostenlos- an die 250 000 Schüler des Stadtstaates zu verteilen.

In der Tat steht der Verwaltungsaufwand für Beschaffung, Abrechnung und Verteilung dieser „Bagatellartikel" in keinem gesunden. Verhältnis zu ihren Stückkosten, die auch ohne Not von den Eltern getragen werden könnten. In besonders gelagerten Einzelfällen könnten Ausnahmen gemacht werden. Die dadurch eingesparten Mittel — in Hamburg sind es zur Zeit immerhin gute drei Millionen Mark im Jahr — könnten sinnvoller für die Aufstockung des notleidenden Etats zur Beschaffung der „großen Lernmittel" (Bücher) verwendet werden. Hier liegt noch manches im argen, Die Initiative des Hamburger Senats ist ebenso vernünftig wie begrüßenswert. Doch der politische Wind bläst ihm ins Gesicht. Elternkammer, Lehrerkammer und die Deputation der Hamburger Schulbehörde haben bereits in ihrer Mehrheit ihr Veto zu Protokoll gegeben. Das bewahrt den Senat zwar nicht davor, mit einer politischen Entscheidung — möglicherweise wird sich damit auch noch die Hamburger Bürgerschaft zu befassen haben — Farbe bekennen zu müssen. Doch nach den Erfahrungen, die in anderen Fällen im sozialpolitischen Bereich bei den Auseinandersetzungen um ein Stückchen „Selbstbeteiligung", wie klein sie auch sei, immer wieder gemacht wurden, wäre es schon eine Sensation, wenn die Hamburger Regierung von ihren Überlegungen und Erwägungen zur mutigen und ternünftigen Tat schreiten würde kr

 
  • Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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  • Schlagworte Schulbehörde | Etat | Hamburg
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