Unheile Welt

Stein des Anstoßes: Jungpastor Schmidt

Die Ruhe im Glaubenskrieg von Ebsdorf ist trügerisch. Tief im Hessischen, unweit von Marburg, hatten sich die Bürger in den Dörfern Hachborn, Bortshausen, Ebsdorf und Leidenhcfen mit Unterschriftenaktionen und in einer Bürgerversammlung gegen die alteingesessenen Biuern und ihre strenggläubigen Freunde im Kirchengemeinderat erhoben. Nach zwei Probejahren verweigerten die Kirchenvorsteher dem 31jährigen Jungpastor Karl Dieter Schmidt mit der knappen Mehrheit von 14:13 Stimmen die Bestallung „Es war wie eine Kreuzigung", meinte ein Atntskollege Schmidts, „sie hängen ihn, aber Gründe haben sie nicht "

Pfarrer Schmidt hatte sich mit dem Vorgefundenen nicht zufriedengegeben. Er brach mit einigen Heiligtümern und erntete Zustimmung bä der Mehrheit seiner Gemeinde, aber Mißtiauea und Angst bei jenen, die sich daran gewöhnt hatten, daß die Kirche ihre ehernen Vorurteile bestätigte, daß sie „Stütze der Herrschenden und Tröster der Armen" war.

Anzeige

„Der Christ wird nicht an der Regelmäßigkeit seines Gottesdienstganges gemessen", belehrte der hagere Hesse Schmidt seine Gemeinde. Damit wollte er den Gelegenheitsbesuchern unter der Kanzel Mut machen und sie davor bewahren, von der eingefleischten Stammgemeinde als „schlechte Christen" diffamiert zu werden. Zur Konfirmation, wo in den Dörfern des Kirchspiels noch immer das Haus von Kopf bis Fuß geweißt und tapeziert wird, legte der Pfarrer Eltern und Konfirmanden nahe, sich nicht „wie die Festochsen zu schmücken". Erstmals erschienen in diesem Jahr die Mädchen in weißen Kleidern und einige Jungen im modischen Blazer zum Abendmahl.

Die Bibelgeschichte vom Ehebruch König Davids war den Gemeindegliedern bisher nur als eindringliches Zeichen für den Sündenfall bekannt. Immer auf der Suche nach plastischen Bildern aus der dörflichen Umwelt predigte Schmidt statt dessen Davids Verfehlung als Mahnmal dafür, daß Macht kontrolliert werden muß, auch die Macht von Pfarrern, Lehrern, Bürgermeistern, Gemeindevertretern.

Die Fronten in der kleinhessischen Religionsfehde verliefen im 700 Einwohner Dorf Leidenhofen zwischen den sogenannten „Frommen" und den übrigen Gemeindegliedern, in Ebsdorf zwischen den Bauern und den „geringen Leut". So heißen im Dorf auch heute noch die Nachfahren der Knechte und Mägde von einst, ganz gleich, ob sie sich inzwischen zum Traktorenschlosser oder Postbeamten, zum Bibliothekar oder Bauingenieur hinaufgearbeitet haben.

Die Geschicke des Ebsdorfer Kirchspiels liegen, von ältersher in der Hand jener, die auf Grund von langen Ahnentafeln, Verdiensten um das Dorf, Landbesitz und Spendenfreudigkeit ein gottgegebenes Anrecht darauf zu haben glauben. Der Aufstand der „geringen Leut" schlug sich zunächst in Unterschriften für Schmidt nieder, der Pfarrer aller, nicht nur der „Frommen" und Dorfpäpste sein wollte. In Hachborn und Bortshausen stimmten 90 Prozent für ihn. In Ebsdorf, wo das bäuerliche Element noch stark ist, legten sich 60 Prozent aller Gemeindeglieder öffentlich für ihren Hirten fest. In Leidenhofen setzten sich auf einer Versammlung 250 Bürger, rund 80 Prozent aller Gemeindeglieder, für ihn ein.

In der Vollversammlung des Kirchspiels verlangten mehr als 400 Bürger Rechenschaft von ihren gewählten Kirchenvorstehern, Auch der Dekan war anwesend und versuchte, die heißen Gemüter zu beruhigen.

  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service