Volksentscheid auf den Ramblas
Hier bestimmen Männer über Fußball und Stierkampf, hier feuerten sie den Trainer vom FC Von Hans Esper
Am schönsten sieht Barcelona aus, wenn man es vom Meer aus, langsam mit einem Schiff in den Hafen einfahrend, betrachtet. Am zweitschönsten auf den großen Postkarten, die so breit sind, daß tatsächlich die ganze Stadt Platz darauf findet.
Von wo Sie sich die Stadt auch anschauen, Sie werden gern bereit sein, dem ersten Barcelonesen, den Sie kennenlernen, recht zu geben, wenn er Ihnen mit stolzer Bitterkeit erklärt (und er tut es bestimmt), eine Stadt mit einer solchen Lage, zwischen Meer und Gebirge, müßte unbedingt die Hauptstadt eines von Meeren umspülten und überaus gebirgigen Landes wie Spanien sein.
Doch nicht Barcelona, sondern dem auf der kastilischen Hochebene, der Meseta, gelegenen jüngeren Madrid wurde die Ehre zuteil, Landeshauptstadt zu werden. sich längst geeinigt: Spanien hat zwei Hauptstädte. Madrid ist die Kapitale der Politik und Verwaltung, Barcelona die der Wirtschaft und des Handels. Als große kulturelle Zentren sind sie gleichwertig.
Ganz sicher ist Barcelona die vernünftigste Stadt Spaniens. Mit rationalem Sinn für Urbanismus ist schon im letzten Jahrhundert der mittlere Teil der Stadt, der „ensanche" angelegt worden: ein großes Rechteck mit breiten Straßen und Alleen, die sich alle zum Verwechseln ähnlich sehen.
Den geographischen Höhenunterschieden entsprechen übrigens die sozialen: Je höher jemand in Barcelona wohnt, um so wohlhabender ist er gewöhnlich. Die ärmeren Leute leben unten am Meer, die reichen an den Hängen des Tibidabo, dazwischen die breite Mittelschicht. Der Ordnungssinn der vernünftigen Katalanen ist da doch wohl ein bißchen zu weit gegangen.
Zuerst sollte man sich den unteren Teil der Stadt anschauen. Stellen Sie sich am besten mitten auf die Plaza de Catalttna, den großen zentralen Platz, dem die Region Katalonien den Namen gegeben hat. Von der Plaza fällt Ihr Blick fast automatisch auf die Ramblas, die bekannteste aller Straßen der Stadt. Es gibt gar nicht so wenig Barcelonesen, die zumindest einmal jeden Tag die Ramblas runter und wieder rauf gehen. Auf dem breiten Gehboulevard in der Mitte können Sie mancherlei kaufen von Blumen bis zu Vögeln und anderen Kleintieren, vor allem aber Zeitungen und Bücher in monumentalen Kiosken, die Tag und Nacht geöffnet sind. Gegen Abend, besonders sonntags, sieht man auf den Ramblas größere Gruppen von ausgewachsenen Männern stundenlang zusammenstehen und überaus ernsthaft diskutieren: über Fußball und Stierkampf, getrennt allerdings. Jeder kann hier frei seine Meinung kundtun; nur einmal wurde ein berühmter, zuletzt aber erfolgloser Trainer von diesem demokratischen Fußballparlament gewaltsam von den Ramblas verjagt. Eine Woche später, jsog der FC ÄstKcelona idtun | ist in der katalanischePI J4eepolgn die Konsequenzen aus dem Volkseat4cfeicJ un cl Jtanden; der „modernismo", ahalich Tdmw as? , 1 i i ftt: : i - kündigte dem Mann, der seitdem in große Geld verdient.
Rechts und links der Ramblas liegen die beiden berühmtesten Stadtviertel: das Barrio Götico (das gotische Viertel) und das Barrio Chino (das chinesische Viertel). Im Barrio Götico stehen mehrere gotische Baudenkmäler, im Barrio Chino gibt es überhaupt nichts Chinesisches (Chinesenviertel heißen in spanischen Städten die Quartiers, wo volkstümliches Nachtleben und Prostitution zu kleinen Preisen zu Hause sind ) Im gotischen Viertel sollte man sich außer der Kathedrale auch den Königspalast (Palado Real), die sich gegenüberliegenden Gebäude des Rathauses das Haus der Inquisition (die auch in Spaniev. garantiert nicht mehr existiert) ansehen. Etwas weiter in Richtung Hafen stoßen wir auf die von der Besichtigung der Gotik beim Aperitif und den verschiedenen als tapas dazu gereichten Arten von kleinen Schalentieren.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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