Zurück zum Einfachen?
Keine olympische Gigantomanie in Montreal! 9 76 Von Günter Deisler
fontreal, die 2 3 Millionen Einwohner zäh lende Metropole Kanadas, will einem unheilvollen Gesetz ein Ende bereiten: Jener Entwicklung nämlich, daß die Olympischen Spiele immer kostspieliger, aufwendiger und somit unerschwinglicher werden. Die Olympia Stadt von 1976 -ist deshalb fest entschlossen, den seit 1960 steigenden Trend des finanziellen „schneller, stär- ker, höher" zu stoppen. Nach den „heiteren" Spielen von München soll es in vier Jahren die „einfachen" Spiele geben.
Keine aufwendigen Spiele wollte schließlich aucn München veranstalten, wo der Etat mittlerweile auf 1972 Millionen Mark geklettert ist. rDpch vergleicht man die Voraussetzungen beider Städte, dann muß Montreal in dem Bemühen, die olympische Gigantomanie erfolgreich zu bekämpfen, eine gewisse Chance eingeräumt werden. Im Gegensatz zu der bayerischen Hauptstadt ist die InfrastrukturMontreals bereits vor den Spielen, einigermaßen intakt. Schrittmacher des Fortschritts, war die Weltausstellung 1967, Strßensyste m bescherte. Zudem verfügt die Stadt über;50 Hallen, von denen einige für olympische Sportarten genutzt werden können. Von Bedeutung ist auch die, Tatsache, daß der Amateursport in Kanada wie in Nordamerika in der breiten Öffentlichkeit nur geringe Resonanz hervorruft und die Zuschauerfrequenzen trotz des zu erwartenden Zustroms aus Europa niedriger gehalten werden können als in München. Und letztlich werden das IOC und die internationalen Sportfachverbände nicht wie in München auf eine Mentalität des Perfektionismüs treffen, sondern aufVerhandlungspartner, die ihre Interessen mit großem Geschick und Beharrlichkeit zu wahren verstehen Neu geschaffen werden sollen für 1976 das Olympiastadion, die Schwimmhalle, das Radstädiön und eine Regattastrecke für Rudern und Kanu. Alle anderen olympischen Sportarten sollen auf Anlagen äusgetragen werden, die bereits vorhanden sind und zum Teil noch ausgebaut werden müssen. Bis auf Segeih werden, scrSer gegenwärtige Stand der Planungen, alle Konkurrenzen in Montreal selbst oder in der Nähe stattfinden. Zentrum der Spiele wird der Sportpark im Westen der Stadt sein, ein „Klein Oberwiesenfeld", das bereits jetzt durch zwei U Bahnstationen zu erreichen ist. Hier entsteht auch das 70 000 Zuschauer fassende Olympiastadion, eine Kreation des Pariser Architekten Roger Tallibert Gilt für München das kostspielige Zeltdach als Symbol, so dürfte in Montreal ein überdimensionaler, 20 000 qm großer Regenschirm zum Wahrzeichen werden: Das Ende eines riesigen, 200 m langen :und mit 50 Grad Neigung die Arena überragenden Mastes ist mit dem Rand des Stadiondaches durch Stahlseile verbunden, an denen eine Membrane heruntergelassen und die elliptische Öffnung des Stadions innerhalb von kurzer Zeit hermetisch abgeschlossen werden kann. Olympische Leichtathletik in der Halle, unbeeinflußt von Regen und Wind, diese Premiere wird in vier Jahren Montreal bieten. Unmittelbar dem Stadion angegliedert ist die Schwimmarena, die 7000 Zuschauern Platz bieten soll. 7000 Zuschauer werden auch die BahnradWettbewerbe verfolgen können, für die in der Nachbarschaft ein Stadion gebaut wird, das seine Eröffnung bereits mit den Weltmeisterschäften 1974 erleben soll". Bei all diesen Anlagen haben die Planer streng auf dieNutzung der Neubauten nach der Olympiade geachtet. Das Olympiastadion ist so konzipiert, daß hinterher sowohl Baseball- als auch Football Spiele ausgetragen werden können (Die 400 m Bahn der Leichtathleten wird dann wahrscheinlich weichen müssen). Außerdem wird danach das Fassungsvermögen — es sind bewegliche Tribünen vorgesehen — auf 50 000 reduziert. Das Schwimmstadion wird hinterher sozusagen aufgelöst: insgesamt sollen sechs Bassins entstehen, die dem öffentlichen Badebetrieb offenstehen werden. Und das Radstadion kann später auch für Tennis, Eishockey und Hallen Leichtathletik genutzt werden. Schließlich möchte Montreal auch abgehen von der Fiktion des Olympischen Dorfes als geschlossene Einheit. Die Athleten sollen in dezentralisierten Unterkünften, die im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus in den nächsten Jahren entstehen sollen, untergebracht werden.
In Anbetracht der Skepsis und der zum Teil offenen Ablehnung, die die olympischen Plane des frankophilen Montreal im übrigen Land gefunden haben, sehen viele Beobachter der olympischen Zukunft der Stadt mit Sorge entgegen. In der Tat: Wäre da nicht Bürgermeister Jean Drapeau, man müßte um die Spiele 1976 fürchten. Immerhin scheint der Planungsstand, mit deutschen Augen betrachtet und am Münchner Beispiel gemessen, ungenügend. So besteht das Organisationskomitee, dessen Vorsitz Drapeau fürs erste selbst übernommen hat, zur Zeit lediglich aus zwei hauptamtlichen, von- der Stadt abgestellten Mitarbeitern.
Doch darf Jean Drapeau, ein genialer Autokrat, als Garant dafür gelten, daß Montreal ir. vier Jahren ein guter olympischer Gastgeber seir. wird. Der 54 Jahre alte Jurist ist ein politischei Wunderknabe, Bereits mit 36 wurde er Bürgermeister. Als er vier Jahre später bei der Wiederwahl scheiterte, gründete er eine eigene, die Montreal Civic Partei, an deren Spitze er 1962 erneut den Bürgermeisterstuhl Montreals erklomm. Bei der letzten Wahl, am 25. Oktober 1970, geschah dann für westliche Demokratien etwas geradezu Ungeheuerliches: Drapeaus Bürgerpartei, die in kein Koordinatensystem der übrigen kanadischen Parteien paßt, errang von 52 Sitzen im Stadtparlament alle 52, was ihm von der nunmehr außerparlamentarischen Opposition den Vorwur: einer Diktatur einbrachte.
Wie der „demokratische Diktator" vorzugehen pflegt, wurde am Beispiel des neuzuerbauenden Olympiastadions deutlich. Anstatt, wie sonst üblich, einen Architektenwettbewerb auszuschreiben, bereiste Drapeau die Welt und fand in Paris im neuen Prinzenparkstadion, das in diesem Sommer fertig wird, ein nachahmenswertes Modell. Flugs beauftragte der listige Bürgermeister (Beinahme „Der Fuchs") Roger Tallibert mit der Konzeption der Arena für 1976, und um den Ärger, den die Auswahl eines Nicht Kanadiers im eigenen Lande hervorgerufen hatte, zu dämpfen, präsentierte Drapeau jüngst der verblüfften Öffentlichkeit das Stadionmodell als eine Schöpfung Montreals -bei deren Zustandekommen Tallibert lediglich ein wenig Hilfestellung, geleistet habe.
Indessen, der clevere Bürgermeister wird in der näheren Zukunft sein ganzes Prestige einsetzen müssen, will er über die hohen olympischen Hürden kommen. Den Steuerzahlern in Montreal hat er bereits versprochen, daß sie keinen Penny für Olympia 1976 zu berappen brauchten. Andererseits bewerten die Provinzregierung in Quebec und Ministerpräsident Trudeau in Ottawa die bevorstehenden Spiele nicht als nationale Angelegenheit, sondern lediglich als Sache der Stadt - Montreal. Die Olympia Kosten — Drapeau sprach zunächst von 420. Millionen Mark, weigert sich aber jetzt, sich auf irgendeine Zahl festzulegen — Sollen aus normalen Haushaltsmitteln gedeckt werden. Außerdem möchte man das Münchener Beispiel mit dem Verkauf von Münzen und Briefmarken sowie des Abhaltens einer Lotterie übernehmen. Außerdem wird die Privatwirtschaft mit in die Überlegungen einbezogen. : So erscheint es durchaus denkbar, daß das Olympiastadion von der Baseball- und Football Indu strie in Lizenz gebaut und für die Dauer der Olympischen Spiele an das Organisationskomitee abgetreten wird Ob jedoch der Aufwand für die Spiele so nied rig gehalten - werden kann, daß man mit Fug. und Recht von einfachen Spielen reden darf, muß; bezweifelt werden. So macht denn Drapeau angesichts der zu erwartenden Kostenlawine aus der Not eine Tugend und zitiert bei fast jeder Gelegenheit einen Mann, der kaum einem Kanadier ein Begriff ist, nämlich den Baron de Goubertin. Drapeau: „Er hat sich immer wieder für . Bescheidenheit und Rückkehr zum Normalmaß ausgesprochen. Montreal wird sich bemühen, dem Vermächtnis dieses großen Toten gerecht zu werden Worte, die den Hefren im Olympischen Komitee (IOC) sicher wohl in den Ohren klingen. Ob aber das IOC bereit sein wird, jene Taten folgen zu lassen, wie sie Drapeau von den Olympiern erwartet? Der Bürgermeister möchte närnlich, daß von den derzeit 21 olympischen Sportarten einige gestrichen werden; am liebsten sähe er, wenn das Programm für 1976 auf 15 Sportarten beschränkt werden würde.
Wie dem auch sei: Ob mit 15 oder 21 Konkurrenzen, ob mit oder ohne Unterstützung von Quebec und Ottawa — Drapeau, davon sind seine vielen Anhänger in Montreal überzeugt, wird es schaffen. Immerhin hat er ein Meisterstück schon hinter sich. Auch 1963, vier Jahre vor Eröffnung der Expo, glaubte kaum jemand im Lande, daß Montreal seine Rolle als Gastgeber der Weltausstellung gerecht werden könnte. Doch innerhalb von nur drei Jahren ließ der Zauberer Drapeau 25 Millionen Tonnen Steine bewegen und zwei künstliche Inseln im St -Lorenz Strom entstehen auf denen sich dann die Welt 1967 ein geglücktes Rendezvous gab.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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