Zwischen Urwald und märkischer Heide

Der Spreewald ist nicht nur für Berliner eine Reise wert. Auch Westdeutsche sollten und können ihn kennenlernen. Cottbus läge zwar günstig für die notwendige Übernachtung, hat aber bisher kein Interhotel. Westdeutsche werden deshalb vielleicht von einem Ostberliner Interhotel aus in den Spreewald fahren (Entfernung etwa 100 Kilometer), oder von einem Interhotel in Dresden — was genauso weit wäre.

Bei der bisher angebotenen Ein Tages Reise in den Spreewald (Pauschalpreis 64 Mark) war erster Programmpunkt: Stadtrundfahrt in Cottbus. Neben neuen Wohnblocks (laut Reiseführerin kosten vier Zimmer monatlich 145 Mark) hat Cottbus viele ältere Häuser, die einen neuen Farbanstrich ganz gut gebrauchen könnten. Dies unterscheidet die kleineren Städte nocli sichtbar von ihren großen Brüdern, wie Ostberlin, Rostock oder Dresden. Bei dem Bombenangriff auf Dresden im Frühjahr 1945 bekam auch Cottbus seinen Teil ab. So ist nur wenig Historisches geblieben: vereinzelte Reste der alten Stadtmauer, zwei Kirchen aus dem 14 und 15. Jahrhundert, der Schloßturm in der Altstadt, am Altmarkt ein paar schöne (renovierte) Tuchmacher- und Leineweberhäuser.

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Auch in der Saiidower Straße künden prächtige Barockhäuser vom ehemaligen Wohlstand der Tuchmacher, in der Nähe steht das klassizistische Vorstadthaus. Ein Ausflug ins 1772 erbaute Barockschloß in Branitz sei empfohlen; heute ist es das Cottbusser Museum.

Der Branitzer Park wurde 1850 im Auftrag von Fürst Hermann Pückler angelegt, der sick später in der im See gelegenen 20 Meter hohen Erdpyramide begraben ließ. Er zeichnet auch verantwortlich für den Landschaftspark im nahen Bad Muskau, der angeblich zu den größten und schönsten Parkanlagen der Welt gehört.

Vom Essen, das wir in der Cottbusser HOGaststätte „Am Stadttor" einnahmen, hatte ich eigentlich mehr erwartet, es war wenig spreewäldlerisch — kein Aal grün, kein Hecht, Die Soljanka war keine lokale Spezialität, ebensowenig das etwas zu weich gekochte Gemüse und die dickliche Sauce, die das Schweinefleisch begleitete. Hochgeschraubte Erwartungen wurden eher im Spreewald selbst erfüllt, dort wo er mit- dem typischen Kahn zu befahren ist. Er ist wie eine Mischung zwischen brasilianischem Urwald und. Märkischer Heide: fremdartig und entspannend ungefährlich. Die einzigen Schlangen, die am Kahn vorübergleiten könnten, sind harmlose Ringelnattern. Gefahr droht allenfalls von Mükken, die aber chemisch bekämpft werden.

In der Spree schwimmen Hecht, Zander, Barsch, und Aal, weniger Schleie und Karpfen, doch die Zeiten des Spreewälder Fischreichtums sind vorbei. Heute kaufen der Deutsche Anglerverband und die Spreewal dfischer dezitonnenweise junge Karpfen und Hechte und setzen sie für die etwa 27 000 Angler in die Spree ein. Schwarzwild, Rehe, Rotwild, Fasanen und Hasen werden gehegt und erlegt von Kollektivjägern. Daß die Jäger im Kollektiv jagen, die Bauern der vielen Einzelgehöfte sich in LPGs zusammengeschlossen haben, wie zum Beispiel in der Lübbenauer LPG „Zum grünen Strand der Spree", daß die Gurkengärtner in GPGs (gärtnerischen Produktionsgenossenschaften) ihre Produkte anbauen und verarbeiten, bleibt dem kahnfahrenden Besucher verborgen, der auch seinem Fährmann nicht ansieht, daß er der Genossenschaft der 300 Kahnfährmänner angehört, die von April bis Oktober in Lübbenau ihre 300 Kähne für Touristen bereithält.

Erst wenn der Fährmann erzählt, daß er und seine Kollegen im Winter in den nahen Kraftwerken Lübbenau und Vetschau arbeiten, wird der Besucher daran erinnert, daß er sich im Energiebezirk der DDR befindet, daß zwei Drittel aller abbauwürdigen Braunkohle in der Niederlausitz, lagert, daß die 15 000 Angestellten des Kombinats „Schwarze Pumpe" beim nahen Hoyerswerda täglich 100 000 Tonnen dieser Kohle verarbeiten.

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