Herakles und die Obristen

von Bernd Seidenstkker

Herakles, der schon zu Lebzeiten vieles erduldete, wie es im homerischen Hymnos heißt, hat auch nach seinem Tode vieles erdulden müssen. Der Held, in der ursprünglichen Sage als Folge des auch literarisch so fruchtbaren Seitensprungs des Göttervaters Zeus mit Alkmene seit seiner Geburt vom Zorn Heras verfolgt, der schon als Baby zwei Riesenschlangen erwürgen und sich dann bis zu seinem unerfreulichen Ende mit allen Untieren und Unholden der Welt herumschlagen muß, ist schon in der Antike von Poeten und Philosophen, Rednern, Tyrannen und Kaisern zu den verschiedensten Zwecken gebraucht und mißbraucht worden. Und das ist die gesamte abendländische Geistesgeschichte hindurch so geblieben.

In jüngster Zeit nun erinnerten sich auch die Athener Obristen des mythischen Arbeiters und Kämpfers unter ihren Ahnen. Seit einiger Zeit ziert der Held einen der großen Briefmarkensätze der Junta: 11 Werte von 20 Lepta (graugrün: Herakles und der Kretische Stier) bis zu 20 Drachmen (braun-orange: Herakles und der Gigant Antaios). Alle Motive (Taten des Herakles) sind antiken Kunstwerken entnommen.

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Angesichts der umfassenden Propagandastrategie des Regimes, die kaum einen durch so viele Untertanenhände, über so viele Touristenzungen und in so viele Sammleralben in aller Welt wandernden Werbeartikel dem Zufall überlassen hat, ist die Frage nach dem Grund für die Wahl des Herakles zum Briefmarkenstar wohl erlaubt. Die Antwort liegt für den Leser von Schwabs Sagen des Klassischen Altertums ebenso auf der Hand wie für den Philatelisten. Seit der Machtübernahme durch die Obristen wird auf griechischen Briefmarken pausenlos befreit: glorreiche Befreiung Makedoniens (1911/1912), 20 Jahre Sieg über die Linken im Bürgerkrieg (1949–1969), 25 Jahre Befreiung vom Hitlerfaschismus (1944 bis 1969), 150 Jahre Befreiung von den Türken (1821–1971) – und dazu nun also Herakles, der Befreier Griechenlands von allem üblen und schädlichen Gewürm und Geschmeiß, der strahlende Kämpfer für Sauberkeit und Ordnung. Herakles als Allegorie für Papadopoulos! Da ringt der Juntachef den Kretischen Stier nieder, überwältigt den Erymantischen Eber und bezwingt den Nemeischen Löwen. Die Gegner des Regimes, zu Tieren erniedrigt, unterliegen der überlegenen Kraft des neuen Befreiers von Hellas.

Ideologisch deutlicher sind andere Werte des Satzes. 1,50 Drachmen: Kampf mit der Hydra, dem vielköpfigen Ungeheuer in den lernäischen Sümpfen. Es ist bekannt, wie Herakles mit der regenerationsfreudigen Schlange fertig wurde; die Marke zeigt, wie er die Köpfe einzeln abschneidet und Iolaos, sein Gefährte (Pattakos) um weiteres Nachwachsen zu verhindern, die Schnittstellen sofort ausbrennt. Daß hier die viel zu vielköpfige Schlange Intelligentsia mehrere Köpfe kürzer gemacht wird, liegt auf der Hand.

Der Abschuß der Stymphalischen Vögel auf der Sechsdrachmenmarke hat offensichtlich dieselbe symbolische Funktion. Die Vögel, die nach der Sage mit ihren Federn wie mit Pfeilen schießen konnten, sind unschwer als die Presse und ihre giftspritzenden Federn zu identifizieren: übles, auf der Marke durchweg rot gefärbtes, windiges Gelichter.

Der höchste Wert der Serie, 20 Drachmen, zeigt den Ringkampf mit dem Giganten Antaios. Diesem Giganten, man erinnert sich, wuchsen immer neue Kräfte zu, solange er mit seiner Mutter, der Erde, in Berührung blieb. Herakles konnte ihn schließlich nur dadurch besiegen, daß er ihn hochhob und in der Luft erdrosselte: Isoliere den Gegner von der Basis, und der Sieg ist dein.

So schließen sich die elf Werte des Heraklessatzes zu einer kleinformatigen, aber millionenfachen Dokumentation der Befreiung Griechenlands durch die Obristen und ihren Chef, den Herakles redivivus, Papadopoulos, zusammen.

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