Von Theo Sommer

Haben die Sowjets ein diplomatisches El Alamein erlitten? Präsident Sadats abrupter Räumungsbefehl läßt zunächst keinen anderen Schluß zu: Die 15 000 sowjetischen Militärberater wurden des Landes verwiesen, sämtliche seit dem Sechstagekrieg auf ägyptischem Boden errichteten Militäranlagen dem eigenen Kommando unterstellt. Was viele Beobachter seit Jahren prophezeit hatten, ist nun eingetroffen. Auf arabischem Wüstensand wachsen auch sowjetische Bäume nicht in den Himmel.

Der Konflikt zwischen Kairo und Moskau hat sich seit längerem abgezeichnet. Vieles trug dazu bei: Enttäuschung über die eng gezogenen Grenzen der russischen Unterstützung; Empörung über das arrogante Benehmen des sowjetischen Militärpersonals; schließlich auch das immer lauter sich artikulierende Verlangen der Ägypter, dem allem ein Ende zu setzen. Die vielerlei wechselseitigen Ministerbesuche vermochten daran nichts zu ändern. Alle Bekundungen der Freundschaft („kein zeitweiliger, sondern ein ständiger Faktor“), wie sie in aufdringlicher Wiederholsamkeit in den Kommuniqués enthalten waren, entpuppten sich jetzt als leere Phrasen.

Als Sadat im Mai 1971 den sowjetisch-ägyptischen Freundschaftsvertrag unterzeichnete, tat er dies in der festen Hoffnung, die Sowjets würden ihm jene Angriffswaffen liefern, ohne die seine Armee keinen Krieg zur Befreiung der besetzten Gebiete vom Zaun brechen kann. Genau diese Waffen verweigerten die Sowjets ihm jedoch. Der Kreml dachte nicht im Traum daran, den großspurigen Drohungen Sadats Zähne einzusetzen. Nach und nach dämmerte es den Ägyptern, daß die Supermacht am Ausbruch eines neuen Krieges in Nahost keinerlei Interesse hat, sondern den Arabern nur so weit zu helfen gewillt ist, daß der Schwebezustand des „weder Krieg noch Frieden“ erhalten bleibt.

Zu dieser Enttäuschung gesellte sich die Empörung über das Auftreten der sowjetischen Militärberater, Techniker und Stützpunktbesatzungen in Ägypten. Immer wieder gab es Streitereien – 80 Fälle mußten durchschnittlich im Monat geschlichtet werden. Berichte, Gerüchte über Skandale machten in Kairo die Runde. Sowjetmenschen schmuggelten Gold; der Sowjetkommandeur der Marine-Basis Marsa Matruk verweigerte Sadat den Zutritt; der sowjetische Verteidigungsminister erzwang die Ablösung des Luftwaffenchefs, der sich abfällig über die Qualität der russischen Waffen und Ausbilder ausgelassen hatte.

All dies erzeugte in den letzten Monaten wachsenden innenpolitischen Druck. Es gab Proteste, Denkschriften, Resolutionen. Ihr Tenor: Ägypten hat schließlich nicht die britische Kolonialherrschaft abgeschüttelt, bloß um sich unter das russische Joch zu begeben und von den Sowjets an die Leine gelegt zu werden. Was bevorstand, deutete sich in den Leitartikeln der Regierungszeitung Al Ahram jüngst schon an, als deren einflußreicher Chefredakteur Heykal schrieb, trotz aller Risiken einer blockfreien Politik solle Ägypten „seine Probleme selbst in die Hand nehmen“ und sich nicht „in die Arme einer Großmacht“ werfen.

Noch freilich ist vieles unklar.