Von Wolfram Runkel

Lautlos gleitet das Weitling-Boot der Eingeborenen aus dem Baum- und Schlirigpflanzengewölbe in ein Spalier aus Indischem Springkraut, zwischen die drei Meter hohen Pflanzen mit lilafarbenen Blüten. Der unheimliche, aber schützende Baumtunnel ist zu Ende, die Sonne knallt jetzt gnadenlos herunter. 35 bis 40 Grad schätzt Urwaldexperte Gerhard Fuchs. Leise und gleichmäßig sticht der Fischer sein Paddel ins Wasser. Die Luft flirrt, sirrt von Libellen. In den leisen, heißen Atem des Urwalds dringt plötzlich der Klick von einer Kamera: ein Nutria bewegte sich am Ufer. Dann ein „Klatsch“: der Fischer erschlug eine Moskito. Doch die Moskitos heißen hier nicht Moskitos, sondern Schnaken: Wir sind nicht in Borneo, sondern in Baden-Württemberg.

Aber eigentlich begann die Reise in Borneo. Vor etlichen Wochen saß ich auf dem Skrang River in einem Einbaum-Boot. Der eingeborene Bootsführer hatte ein Stechpaddel, aber er bediente einen Außenbordmotor, und nach einem langen Blick in den Tropen-Dschungel sagte ein Südbadener Mitreisender trocken: „Wenn das Boot keinen Außenbordmotor hätte, könnte man meinen, man sei auf einem Altrheinarm im Taubergießengebiet.“ Ich starrte ihn an: „Was ist das?“ Der Südbadener: „Der Dschungel von Deutschland. Aber da kommt fast keiner hin.“

Dschungel in Deutschland? Ja, der Dschungel ist 1200 Hektar groß, liegt in Südbaden, südwestlich von Offenburg, wird im Norden von Nonnenweier, acht Kilometer westlich von Lahr, im Süden von Oberhausen begrenzt; im Osten fließt der Verkehr auf der Autobahn Karlsruhe – Basel vorbei, im Westen der Rhein.

Und der Rhein ist auch der Vater dieses Naturdschungels – paradoxerweise auf Grund eines künstlichen Eingriffs. Da der Wasserspiegel des Rheins seit seiner Begradigung im vorigen Jahrhundert höher liegt als das angrenzende Land, sickert an verschiedenen (unbekannten) Stellen Wasser durch die Deiche in das tieferliegende Ufergebiet und tritt da in kleinen Trichtern kalt und durch die Kieselreise total gereinigt wieder an die Oberfläche. Der größte dieser Gießen, der Taubergießen, fließt nach seiner Vereinigung mit anderen Gießen, mit Altrheinarmen und dem Flußarm „Blinde Elz“, weiter unten wieder zurück in den Vater Rhein.

Den schönsten dieser Gießen, das Blauloch, ein vielleicht 100 Quadratmeter großes mit glasklarem Wasser gefülltes Loch, auf dessen Grund in fünf Meter Tiefe unzählige kleine Quelltrichter zu sehen sind, kann man zu Fuß oder per Boot (ein Acht-Mann-Weitling kostet pro Tag 90 Mark) erreichen. Je nach Höhe (beziehungsweise Tiefe) des Erdbodens wandert man durch Sumpfniederungen, durch drei Meter hohes Indisches Springkraut, kämpft sich durch Dickicht, für das man eigentlich eine Machete brauchte, balanciert zwischen Nesseln und Nattern hindurch, watet plötzlich durch einen der vielen kleinen glasklaren Bäche, die wie Blutgefäße durch das Taubergießengebiet fließen, kommt durch Orchideenwiesen und Maisfelder, oder fährt auf dem Weitling-Boot, einer Art deutschem Einbaum, vorbei an Weißdornbüschen, Berberitzen, Sumpfdotterblumen, Hahnenfuß und vielen kaum bekannten Pflanzen; nach einem unheimlichen Baumtunnel überrascht links eine romantisch-liebliche Anordnung von Gewächsen wie in einem japanischen Garten oder rechts eine Baum-Busch-Kombination in irischen „40 Kinds of Green“, man hört je nach Tageszeit die Stimmen von Pirolen, Meisen, Nachtigallen, Grasmücken, Teichrohr- und Weidenlaubsängern, Schreie und Rufe von Fasaner, Reihern, Falken, Habichten, Bussarden und viele unbekannte Gesänge und Geräusche.

Dann auf einmal eine Art See, ein Gewässer wie in einer Ur-Landschaft. Schachtelhalms. Zwischen schimmernden Inseln ragen verdorrte Bäume und versengte Äste kreuz und quer in die Luft. Durch komplizierte biologische Vorgänge sind hier die Bäume im Wasser vertrocknet, tot. Saurieratmosphäre. Weiter nordwestlich wird das Gewässer breiter, sumpfiger, asiatischer: man sucht nach Reispflanzungen.