Offenbach/Main

Vor der Opernhaus-Ruine im Frankfurter Stadtzentrum riefen die Ziehväter der „Neuen Linken“, Herbert Marcuse und Wolfgang Abendroth, die „Neue Linke“ eindringlich zur Einigkeit auf. Das war an einem heißen Wochenende Anfang Juni bei einer Kundgebung des Kongresses „Am Beispiel Angela Davis“. Heute – drei Monate später – ist das „Sozialistische Büro“, maßgeblicher Organisator des Unternehmens, davon überzeugt, daß die Mahnung der Senioren auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Der Kopf des „Sozialistischen Büros“ (Sitz: Offenbach/Main), Klaus Vack, resümiert: „So wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, macht auch ein relativ einheitlich eintretender Kongreß allein noch keine neue sozialistische Bewegung. Wenn dennoch der Kongreß als Beginn einer von den arbeitenden Gruppen und Basisorganisationen ausgehenden Erneuerung der sozialistischen Bewegung in der Bundesrepublik bezeichnet werden kann, dann deshalb, weil die überwiegende Zahl der Gruppen immer stärker das Bedürfnis entwickelt, ihre Erfahrungen in der Basisarbeit in eine Kooperation einzubringen.“

Wer waren diese Gruppen, die nach Frankfurt zum Kongreß „Am Beispiel Angela Davis“ kamen und heute im „Sozialistischen Büro“ ein Zentrum sehen, von dem sie Koordination und Impulse erwarten? Das Büro hat ausgewertet: Die Gruppen zählen durchschnittlich acht bis zehn Mitglieder, Basisgruppen von Lehrlingen, Schülern, Jungarbeitern, Studenten, Lehrern, Sozialarbeitern. Der Bericht sagte dazu: „Der Anteil der Basisgruppen, die als autonome sozialistische Gruppen arbeiten, lag nach unseren Schätzungen höher als der Anteil derer, die ihr Arbeitsfeld primär in den Jugendverbänden, in den Partei-Jugendorganisationen und der Gewerkschaftsjugend haben.“

Die Größenordnung, um die es hier geht, kann nach den Auflagen der Publikationen des „Sozialistischen Büros“ eingeschätzt werden: Die Zeitung „links“ mit etwa 12 000 Exemplaren, die „Sozialistische Betriebskorrespondenz“ 5000, „Informationsdienst für sozialistische Lehrer“ über 3000; bei der Reihe „Roter Pauker“ schwanken die Auflagen zwischen 8000 und 15 000. Die Veröffentlichungen geben auch die Finanzierungsgrundlage: Redaktion und Autoren arbeiten „ehrenamtlich“.

Doch Zahlen sagen weniger über die politische Wirkung aus. Das Büro in der Offenbacher Hohe Straße 28 zählt ganze vier hauptamtliche Mitarbeiter, davon sind zwei Sekretärinnen, Auf das Konto des „Büros“ bucht Klaus Vack, wenn seine Freunde draußen die Ablösung von Betriebsräten erreichten, die sich mehr nach oben als an der Basis orientieren. Oder wenn „Rote Pauker“ Elternversammlungen organisieren, um Mißstände in der Schule zu beheben oder auf die Schulpolitik der Kultusminister einzuwirken. Im Aufruf zum Aufbau des „Sozialistischen Büros“ (ein nicht eingetragener Verein) war das 1969 so formuliert worden: „Sozialisten arbeiten heute in den Betrieben, in lokalen Gruppen, in Klubs, in Basisgruppen, an den Hochschulen und Schulen und hier und dort innerhalb der Jugendverbände und als kritische Gruppierungen innerhalb der ‚offiziellen‘ Organisationen (Gewerkschaften, Kirchen, Parteien). In dieser weitverzweigten Praxis liegt die Chance einer neuen sozialistischen Bewegung.“

Deshalb winkt Klaus Vack auch ab, wenn man ihm die Meldungen vorhält, nach denen während eines Besuchs von Rudi Dutschke, dem mittlerweile sagenumwobenen Studentenführer der großen Zeit der außerparlamentarischen Opposition, im Offenbacher Büro über die Gründung einer Partei diskutiert worden sei. Zwar zitiert er dabei die politische Weisheit, daß man nie niemals sagen solle. Aber seine Auskunft läßt doch keine Hintertür offen: „Das steht heute überhaupt nicht mehr zur Debatte.“ Vielleicht werde es später einmal notwendig sein, zu einer festeren Organisationsform zu kommen, aber dann mit Sicherheit nicht nach dem klassischen Parteimodell. Der nächste Schritt müsse vielmehr jetzt sein, „aus dem Büro ein sozialistisches Zentrum zu entwickeln, in dem autonome Gruppen kooperieren“. Seine Vorstellung ist: „Der organisatorische Rahmen wird dabei nicht ein ,Verein‘ mit Satzung, Vorstand, Ausschlußverfahren sein, sondern an historischen Erfahrungen anknüpfen, die in der revolutionären Tradition der Arbeiterbewegung immer Ausdruck ihrer praktischen Bedürfnisse waren: er wird sich stärker an die Organisationen der Rätebewegung anlehnen müssen als an die einer parlamentarischen Partei.“ Es gehe nicht um eine Organisation, sondern darum, die Arbeit zu organisieren. „Wir sind keine Mitgliederorganisationen.“

Als erfahrener Routinier und politischer Pragmatiker hält Vack nichts von ständig neuen Aktionen, und er erwartet auf absehbare Zeit auch keine spektakulären Ergebnisse. Aber er wertet es als einen Erfolg, daß der Angela-Davis-Kongreß zu einer eindeutigen Absage an die Gewaltprediger, an sterile Dogmatiker, an selbsternannte „Parteiaufbauorganisationen“ (vor allem in der politischen Studentenbewegung) geführt und einen Abgrenzungsprozeß der Neuen Linken nach dieser Seite hin eingeleitet habe. Das „Sozialistische Büro“ sei in der Studentenbewegung bis dahin kein Faktor gewesen, der Arbeitsansatz habe immer und zuerst in den Betrieben gelegen. Dann seien zunächst Konflikte, jetzt aber auch Annäherungen zu studentischen Gruppen gekommen.

Kein Zweifel, daß das „Sozialistische Büro“ mit seinem Kongreß „Am Beispiel Angela Davis“ seinen Aktionsradius ausgeweitet hat. Immerhin haben etwa 36 000 Bürger den Aufruf für den Frankfurter Solidaritätskongreß unterzeichnet. Zustimmung kam von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend, vom Bund Deutscher Pfadfinder, von der Deutschen Angestelltenjugend, von den Deutschen Jungdemokraten, von den Jungsozialisten, von der Naturfreundejugend, von den Falken, vom Verband der Studentenschaften. Nur die Kommunisten, die DKP und DKP-orientierte Gruppen hielten sich fern. Sie kochten ihre eigene Angela-Davis-Suppe.

Kenner des Innenlebens der Neuen Linken sehen in der jetzt begonnenen Phase der Weiterentwicklung des „Sozialistischen Büros“ nach dem Frankfurter Kongreß eine „neue Qualität“, eine Doppelstrategie: Einmal eine Beschleunigung des Prozesses der Koordinierung von unabhängigen Gruppen, zu denen auch Jungdemokraten und Jungsozialisten gehören, die im „Büro“ jetzt ein Bezugszentrum haben. Zum anderen bekomme die kritische Linke innerhalb der Parteien von außen einen Ansporn, einen Anstoß, die eigenen Positionen zu überprüfen.

Als nächste Aktion steht ein Portugal-Tribunal auf dem Programm. Gerhard Ziegler