Von Josef Müller-Marein

Soeben erschien im Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, Josef Müller-Mareins neues Buch: „Deutschland deine Westfalen“ (198 Seiten, 17,80 Mark). Wir veröffentlichen daraus den folgenden Auszug:

Im „Großen Brockhaus“ heißt es über die Westfalen, sie seien „oft von hohem Wuchs und breitschultrig“ und gehörten „zu den konservatischen deutschen Stämmen“. Liest man dies, so denkt man wohl: Heinrich Lübke, der zweite Präsident der Bundesrepublik Deutschland, konnte mit seiner kleinen zierlichen Gestalt und seinen schmalen Schultern kein Westfale sein, obwohl er doch aus dem Sauerland stammte. Ferner heißt es, die Westfalen hätten „weithin die niederdeutsche Sprache und viel bäuerliches Brauchtum bewahrt“. Auch sei „das religiöse Leben im überwiegend katholischen Münsterland und in den meist evangelischen Zonen des Nordens und Südens von großer Kraft“.

Bei solchen Einzelheiten kann man annehmen, daß bewährte Lexikon-Redakteure Charakteristiken wie diese nicht drucken ließen, ohne sich bei den Betroffenen selber informiert zu haben. Um so wichtiger wird dann der Satz: „Im Wesen ist der Westfale schwerfällig, jedoch empfindsam und erlebnistief.“

Halten wir also fest, daß die Westfalen sich selber für „empfindsam und erlebnistief“, wenn auch „schwerfällig“ im Wesen ansehen, es sei denn, sie stimmten dieser Behauptung nur aus Höflichkeit zu oder widersprächen ihr aus demselben Grund nicht.

Wenn hier nun von Bismarck die Rede sein soll, so deshalb, weil er es war, der den im ersten Augenblick einfältig klingenden Satz prägte: „Der Westfale bleibt immer Westfale!“

Übrigens haben wir es hier mit einer „Rede an die Westfalen“ aus dem Jahre 1895 zu tun, aus einer Zeit, also, da Bismarck längst Muße hatte, im Sachsenwald spazierenzugehen. Der Mann, der als Eiserner Kanzler durchaus nicht nur Schmeichelhaftes über die Westfalen geäußert hatte, fühlte sich jetzt offensichtlich verpflichtet, etwas gutzumachen an diesem empfindsamen und erlebnistiefen Menschenschlag. Es ist ihm denn auch ein Denkmal in Westfalen gesetzt worden: nur ein einziges, und zwar in Burgsteinfurt. Sonst aber hat der von Bismarck angezettelte „Kulturkampf“ ihm, besonders in den Gegenden von Münster und Paderborn, nichts als erbitterte Feindschaft eingetragen, die sich zum Teil direkt gegen Berlin und Preußen richtete und lange nicht aus den Gemütern der schwerfälligen Westfalen wich.