Unter den Liebesgeschichten des Großstadttramps Charlie ist dies die rührendste: In „City Lights“ versorgt der arme Schlucker ein blindes Blumenmädchen, das ihn für einen Millionär hält, mit Lebensmitteln, der fehlenden Miete und schließlich sogar mit dem Augenlicht Er wandert ins Gefängnis, sie mit dem Geld, für das er abbüßt, zu einem Wiener Augenarzt. Das Ende des Films ist die Begegnung des abgerissenen Wohltäters mit dem Mädchen, das von einem Wohlgestalten Hollywood-Ritter träumte, sehenc den Tramp um ein Haar mit einem Almoser. abspeisen will, um ihn schließlich tastend zu erkennen. Jetzt kann sie sehen: Happy-End oder Sturz aus den blinden Träumen vom Märchenhelden?

Brecht, der Chaplins „hündischen Blick“ in der Schluß-Großaufnahme als Friedensschluß des „Anarchisten“ Chaplin mit den spießigen Erwartungshaltungen der Zuschauer deutete, hat recht, wenn man die weitere Entwicklung der Gefühls-Enklaven in Chaplings Filmen vor Augen hat (etwa die sich behauptende Idylle im „Großen Diktator“). Er hat unrecht, wenn man sich an die dauernde Desillusionierung der „Lichter der Großstadt“ hält.

Denn so sehr das saubere Stübchen des bescheiden und „Sei-zufrieden!“-lächelnden armen, blinden, blonden Kinds mit gütiger Oma, Kanarienvogel im Fenster und dem „Arm-aber-proper“-Blumenarrangement, Idylle des neunzehnten Jahrhunderts, Dickens-Schmelz inmitten der modernen Großstadt ist, so sehr durchsäuert Chaplin diese Idylle mit Slapstick-Aggression: dem Kanarienvogel korrespondiert eine Katze in der Nachbarschaft, die dem Träumer unsanft einen Blumentopf aufs Haupt fallen läßt, und die rührende Blindheit des Mädchens zieht den Tramp bis aufs Hemd aus, buchstäblich, wenn sie ihm das wollene Unterhemd in einer grotesken Satire auf das sich zum Stricken vorbereitende Heimchen vom Leib wickelt.

So gesehen, ist auf einmal auch der Schluß alles andere als „rührend“, denn das gesundete Mädchen hat all die erwarteten Demutshaltungen abgestreift und weiß auf einmal sehr klar, was ihre Chancen in der Welt sind. Und für sie zumindest wird der Traum vom Märchenritter gründlich zerstört.

Überhaupt ist dies ein Film der dauernd hohnvoll zerstörten Erwartungen. Zunächst. antwortet der 1931 uraufgeführte Film auf die Tonfilmerwartungen, denen er sich, sie aufnehmend, verweigert. Gleich zu Beginn wird die Rede bei einer Denkmalseinweihung eingeführt: Was man hört, ist nur ein sinnloses Blabla, das sich wie ein Triumph des Stummfilms ausnimmt. Später, im „Großen Diktator“, ist Chaplin dem Riß erlegen: Seine Hitler-Figur läßt er noch absurd plappern, dem heldischen Friseur jedoch mutet er eine Ansprache an die Menschheit zu; der Tonfilm hat hier die Stummfilmgroteske und ihre Entlarvungsmittel endgültig eingeholt und erschlagen.

In „City Lights“ jedoch ist das Geräusch noch das, was stört: Chaplin, der in einer (stummen) Gesangsnummer hörbar pfeift, weil er eine Trillerpfeife verschluckt hat und so nicht nur den Kunstgenuß stört, sondern auch, mit seinem pfeifenden Schluckauf, unbestellte Taxis und viele mißverstehende Köter herbeilockt. Gerade das, was stumm ist, wird hier beredt: so die Spaghettis, die der Tramp in einem feinen Lokal pfeifend einsaugt.

Motor des ganzen Films ist die Geschichte einer pervertierten, weil ungemäßen Freundschaft zwischen dem Tramp und dem Millionär, der immer dann, wenn er besoffen ist, alles mit dem armen Schlucker teilen will, um ihn, wieder ernüchtert, stets aus dem Haus werfen zu lassen. Die illusionslose Genauigkeit, mit der dieses ungemäße Verhältnis gezeichnet ist, wo soziale Schranken sich nur im Suff aufheben lassen und die plötzlichen Verbrüderungsgesten des reichen Mannes für den kleinen eigentlich nur eine Malträtierung darstellen, übertrifft Brechts nach diesem Muster gebildete Puntila – Matti – Beziehung gerade durch das scheinbare Verschweigen der sozialen Bewußtheit des Clowns, des kurzzeitig Emporgehobenen. Weil Chaplins Tramp weder die Verbrüderung noch das Herausgeschmissenwerden, das ihr folgt, klassenbewußt reflektiert, wird das Mißverhältnis in den scheinbar blinden Aktionen um so brutaler deutlich. Beim Verbrüderungstrunk wird Charlie ohne Rücksicht mit Alkohol „abgefüllt“, und was er im Suff geschenkt bekommt, verteidigt er durchaus, als man ihn für einen Dieb hält, als „Beute“. Es ist nur scheinbar eine Besänftigung, daß das Geld ja edleren Zwecken dient, eben dem Augenlicht der angebeteten Schönen.