Von Christa Dericum

Ricarda Huch: „Michael Bakunin und die Anarchie“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1972; 259 S., 8,80 DM.

Am 14. Dezember 1922 schrieb Ricarda Huch an Marie Baum: „Im Januar denke ich aber, daß ich meinen geliebten Bakunin in den Druck geben kann. Wie anders, dachte ich, würde das Buch, als ich den Gedanken faßte.“ Es ist nicht nur der Zweifel der Schriftstellerin an der Kunst, ein großes, ideenreiches Leben wie das des russischen Revolutionärs Michael Bakunin mit Worten darzustellen. Sie kannte die Grenzen ihrer Sprache und wußte nur zu gut, daß sie, wie stets, auch hier vom Mitgefühl für ihren Helden fortgerissen war. Nicht zufällig gewinnt der Bericht mit fortlaufender Erzählung an Überzeugungskraft, gipfelnd in den Kapiteln, die dem letzten Lebensjahrzehnt Bakunins gelten, als er, zwischen Resignation und Hoffnung hin und her gerissen, in der Schweiz lebte, so alt wie Ricarda Huch, während sie an seiner Biographie schrieb: Mitte der Fünfzig.

Sein Leben lang hatte Michael Bakunin auf die Revolution in Rußland gewartet. Als sie, vierzig Jahre nach seinem Tod, Wirklichkeit wurde, waren die Ideen ihrer Protagonisten aus dem 19. Jahrhundert verloren. Peter Kropotkin, in seiner Jugend Anhänger Bakunins, widmete sich ihr mit Hingabe und stellte nach der Vollendung mit Entsetzen fest, daß sie wiederum nichts als Herrschaft und Unfreiheit gebracht hatte. Von dieser Stimmung scheint Ricarda Huch tief ergriffen gewesen zu sein.

Der Plan, Bakunins Leben zu beschreiben, mußte sie um so mehr fesseln, je deutlicher sie den Zusammenhang zwischen der russischen und der deutschen Entwicklung, den Revolutionen von 1917 und 1919 sah. Sie bewunderte Bakunins unerschütterliche Kraft des Herzens: Liebe ging über Gesetz. Darin waren beide Bettina von Arnim ähnlich. Bakunin wollte lieber Stürme als Stagnation und haßte bloßes Theoretisieren, an dem der Geist sich schärfen und ergötzen, nicht aber der handelnde Mensch sich erneuern könne. Die „Empörung des Unbewußten gegen das Bewußte“, ein Zug der Romantik, den Ricarda Huch zeitlebens an sich selber pflegte, ist Bakunins wesentlicher Impuls. Doch diese Empörung bleibt nicht im Gefühl hängen; sie ist selbstlos, stellt sich auf die Seite der Schwachen, schreitet fort zu revolutionärem Denken und zur Tat.

Das erste Mal empörte sich der zwanzigjährige Michael Bakunin, als er, der 1814 geborene Sproß einer alten russischen Adelsfamilie, die nutzlos, erscheinende Karriere als zaristischer Offizier aufgab, um Gelehrter zu werden. Unwillig und ohne Geld ließ der Vater ihn ziehen, zunächst nach Moskau, wo er Fichte und Hegel las, dann nach Berlin.

Die Deutschen waren Bakunin unbegreiflich. Er hielt sie für hoffnungslose Spießbürger, die für Götz von Berlichingen schwärmten und das Räsonieren zu ihrem Tagwerk machten. Bakunin haßte die endlosen Gespräche, wußte er doch allzu gut aus eigener Erfahrung, daß sie mit dem Schein der Nützlichkeit die Spontaneität töteten und die Theorie verabsolutierten. 1849 sah man ihn in Dresden auf den Barrikaden, zusammen mit Richard Wagner und Hermann Semmig. Das Ende war jahrelange qualvolle Gefangenschaft in Rußland, wohin man ihn auslieferte.