Solche Argumente vermochten vor allem die Jugend in den nordischen Staaten nicht zu überzeugen. Sie kämpfte mit Leidenschaft gegen den Eintritt ihrer Länder in die als undemokratisch und unsozial empfundene Wirtschaftsgemeinschaft, die für sie nichts anderes ist als ein Tummelplatz für Konzerne und Monopole.

Die Aufnahme der neuen Mitglieder vollzog sich damit in einer völlig anderen Atmosphäre als die Gründung der EWG. Als die Römischen Verträge 1957 unterschrieben wurden, war vor allem die politisch interessierte Jugend begeistert. Sie gab ihren Gefühlen Ausdruck, indem sie Schlagbäume niederriß und an den Grenzen die Europaflagge hißte. In Kopenhagen dagegen sah man – fünfzehn Jahre nach Gründung der Gemeinschaft – kaum einen Jugendlichen, der sich nicht durch eine Nein-Plakette als Gegner der EWG zu erkennen gab. „Wie soll die Zukunft einer politischen Institution aussehen, die von der Jugend so leidenschaftlich abgelehnt wird?“ fragte ein dänischer Oppositionspolitiker. Auch in den alten EWG-Ländern ist das wachsende Desinteresse unverkennbar.

Den Politikern der sechs Gründungsstaaten ist es nicht gelungen, die ursprüngliche Begeisterung wachzuhalten. Gewiß, wer sich die Mühe macht zurückzudenken, der erkennt rasch, was wir der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Europa zu verdanken haben: Bereits im ersten Jahrzehnt ihrer Existenz ist die Gemeinschaft zur führenden Handelsmacht der Welt aufgestiegen, verdoppelte sich das Durchschnittseinkommen ihrer Bürger. 1958 hatte der Güteraustausch zwischen den Mitgliedsländern erst einen Wert von 13,6 Milliarden Dollar, im vergangenen Jahr waren es fast hundert Milliarden – also mehr als das Sechsfache. Über die Hälfte ihres Außenhandels wickeln die sechs Gründerstaaten heute untereinander ab. Dieser Teil des Exports ist damit vor handelspolitischen Überraschungen sicher – ebenso die vom Export abhängigen Arbeitsplätze.

Doch der Wohlstand und die großen ökonomischen Erfolge der EWG sind selbstverständlich geworden – ebenso ihr schlechtes politisches Image. Nach außen hin wirkt die Gemeinschaft nur auf diejenigen anziehend, die sich für immer höhere Produktionsziffern begeistern können und auf die ein Markt mit 250 Millionen Verbrauchern faszinierend wirkt. Daß ökonomische Stärke auch die Basis für eine eigenständige europäische Rolle in der Weltpolitik und für sozialen und wissenschaftlichen Fortschritt sein kann, sehen die Gegner der EWG nicht oder wollen es nicht gelten lassen.

Dafür sehen sie um so deutlicher das ewige Gezänk um Agrarpreise und Marktordnungen. Sie beobachten den oft krassen nationalen Egoismus und politischen Kuhhandel im Ministerrät. Sie erschrecken vor dem bürokrati-

– sehen Apparat in Brüssel und fürchten die Macht

der Technokraten. Nicht ein frei gewähltes Parlament und von diesem kontrollierter Politiker repräsentieren die Europäische Gemeinschaft nach innen und außen, sondern Beamte. Auf Länder mit so starken demokratischen Traditionen wie England, Norwegen und Dänemark muß das abschreckend wirken.