Von Hans C. Blumenberg

Der Blick durch den Spiegel, die Zeichnung eines Katzenkopfes, spielende Kinder in den Straßen von Marseille: Schon in den ersten Einstellungen wird deutlich, daß René Clement nicht jenen planen Gangsterfilm gedreht hat, als den der deutsche Verleih sein jüngstes Werk zu verkaufen trachtet. Der Titel „Treibjagd“ suggeriert Aufregung und Aktion, die Plakate mit den vier Männern mit Maschinenpistolen („In dreißig Sekunden sind diese Männer entweder sehr reich oder sehr tot“) verheißen Gewalt und vordergründige Spannung.

Doch der 59jährige Regisseur von „Jeux interdits“, „Monsieur Ripois“ und „Gervaise“ scheint immer weniger dazu bereit zu sein, den etablierten Spielregeln des ehrwürdigen Thriller-Genres zu folgen. Mit der gleichen Rigorosität wie in seinem letzten Film „La maison sous les arbres“ (Das Haus unter den Bäumen), konsequenter noch als in dem voraufgegangenen „Le passager de la pluie“ (Der aus dem Regen kam), widersteht er den Verlockungen der klassischen Krimidramaturgie und verwendet ihre spektakulären Versatzstücke vom trickreichen großen Coup bis zum finalen Showdown mit tödlichem Ausgang lediglich als Bauteile einer sehr komplexen Konstruktion.

„La course du lièvre à travers les champs“ (Der Lauf des Hasen über die Felder, so der Originaltitel) bezieht seine Faszination aus dem Neben- und Gegeneinander von sehr unterschiedlichen Elementen. Am Anfang steht, wie schon in „Der aus dem Regen kam“, ein Zitat von Lewis Carroll, aus dem Prolog zu „Through the Looking-Glass“: „We are but older children, dear/Who frei to find our bedtime near.“ Der Spiegel in der ersten Einstellung des Films verweist direkt auf den Titel von Carrolls 1871 erschienener Erzählung. Und auch der grinsende Katzenkopf hat mit der Welt des viktorianischen Kinderbuch-Klassikers zu tun. John Tenniel hat ihn für die Originalausgabe von „Alice’s Adventures in Wonderland gezeichnet: The Cheshire-Cat. Ganz am Schluß sieht man ihn noch einmal und erfährt, daß der kanadische Fluchtort der Gangster „Cheshire-Cat-Inn“ heißt.

So wie Carroll „Through the Looking-Glass“ als Fortsetzung von „Alice’s Adventures in Wonderland geschrieben hat, so kann man auch Cléments neuen Film als Weiterführung und Vollendung von „Der aus dem Regen kam“ verstehen. Der Lauf des Hasen über die Felder oder Eines langen Tages Reise in die Nacht. Wiederum entwerfen der Regisseur und sein Autor Sébastien Japrisot eine irrisierende Märchenwelt voll von sanftem Schrecken und bizarren Geheimnissen. Wie Alice im Wunderland, wie das Mädchen Melancholie (Marlene Jobert) in „Der aus dem Regen kam“, wie Jill (Faye Dunaway) in „Das Haus unter den Bäumen“ erlebt auch hier der Protagonist das Geschehen aus der Perspektive eines ängstlichen Kindes, das staunend in ein fremdes Universum eindringt. Auf der Flucht vor Zigeunern, die ihn töten wollen, weil er bei einem Flugzeugabsturz den Tod ihrer Kinder Verschuldet hat, gerät der Franzose Tony (Jean-Louis Trintignant) in die Gesellschaft einer seltsamen Gangsterbande: martialische Desperados, die sich die Zeit bis zum letzten großen Coup mit sinnlosen Spielen vertreiben, alt gewordene Kinder, die in einem wunderschönen Knusperhäuschen in einem wunderschönen Märchenwald leben, Phantasiegeschöpfe zwischen Traum und Tod, Gewalt und Poesie, genauso wie Lewis Carrols Mad Hatter, Queen of Hearts und Cheshire Cat.

Clement und Japrisot zelebrieren ein subtiles Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers, lassen Kinder wie Gangster agieren und Gangster wie Kinder, führen ein Märchen auf, wo man sich auf ein Melodram eingerichtet hat. Sie kreieren eine ambivalente Atmosphäre, in der schließlich nichts mehr unmöglich erscheint. Das große Ding findet nur noch der Form halber statt, ein kurzer blutiger Zirkus ohne Bedeutung. Erklärungen werden nicht gegeben, anders als noch in „Der aus dem Regen kam“ findet am Ende keine nach herkömmlicher Krimi-Logik plausible Auflösung statt. „Den Einbruch des Irrealen in den Thriller“ nennt das Japrisot, der sich mit seinen Romanen „Falle für Aschenbrödel“ und „Porträt einer Dame im Auto mit Brille und Gewehr“ als wichtigster Autor der mitteleuropäischen „Litterature Policière“ etabliert hat.

Clement, ein Regisseur, der nie so recht in Mode gekommen ist, auch nicht in Frankreich, und dessen Autorenqualitäten allein der verstorbene André Bazin zu schätzen wußte, findet eine bewundernswerte inszenatorische Balance zwisehen Märchenspiel und Gangsterstück, integriert die kontrastierenden Elemente in einen weichen gleitenden Erzählfluß, der immer wieder plötzlich durch bedrohliche Vertikalen aufgebrochen wird, die – besonders eindringlich in den beiden Treppeneinstellungen am Anfang und am Schluß – ein Gefühl bodenlosen Schwindels (Vertigo) vermitteln.

Die Lust an Kontrasten erstreckt sich nicht zuletzt auch auf die Schauspieler. Dem erstaunlich gelösten Trintignant und der aufregend schönen Lea Massari als kuchenbackender Gangsterbraut „Sugar“ stehen zwei verwitterte Hollywood-Veteranen gegenüber: Der alte weise Wolf Robert Ryan, dessen Züge inzwischen so zerklüftet sind, daß sie völlig sich widersprechende Empfindungen zur gleichen Zeit ausdrücken können, und der dicke Kraftprotz Aldo Ray, der noch immer so komisch und bemitleidenswert ist wie vor zwanzig Jahren bei Cukor und Curtiz. Allein das von Clement mit unendlicher Sorgfalt aufeinander abgestimmte Zusammenspiel dieser vier Profis verleiht der „Treibjagd“ eine Intensität und innere Spannung, die herkömmliche Thriller trotz aller Aktion und Gewalt allzuoft vermissen lassen. Mit seinen drei letzten Filmen hat Clement für ein altes Genre neue Maßstäbe gesetzt.