Kamikaze„Sturm Gottes“ oder Kriegsverbrechen?

Ein Heldenepos auf die japanischen Todespiloten von Hans Schueler

Von Hans Schueler

Als das Fernsehen vor einigen Monaten eine Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg im Pazifik sendete, wurde vielen deutschen Zuschauern zum erstenmal das ganze Ausmaß des nahezu vierjährigen Ringens zwischen Japan und den Alliierten deutlich. Zu den beklemmendsten Bildfolgen gehörten die Szenen aus der Seeschlacht bei den Midway-Inseln im Mai 1942 – amerikanische Flugzeuge, die eines nach dem anderen beim Landeversuch nach beendetem Einsatz auf dem Deck ihrer Träger zerschellten, weil sie beschädigt, ihre Piloten verwundet oder infolge der ungeheuren Nervenbelastung des voraufgegangenen Angriffs auf die japanische Flotte zu dem schwierigen Landemanöver nicht mehr imstande waren. Ein großer Teil der japanischen Flieger aber hatte nicht einmal mehr die Chance einer Bruchlandung auf seinen schwimmenden Basen: Vier der besten Flugzeugträger waren zwischen Abflug und Rückkehr der Maschinen von den Amerikanern versenkt worden.

Mit dieser Schlacht begann der Anfang vom Ende der japanischen Vorherrschaft im Pazifik. Die USA hatten sich rasch von den Verlusten erholt, die der japanische Überraschungsangriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 ihrer Pazifikflotte beigebracht hatte. Sie konnten ihr Kräftepotential laufend verstärken – vor allem mit modernsten Schiffen und Flugzeugen –, während Japan von Anbeginn den Mangel verwalten mußte. Die kaiserlichen Werften waren bald so mit Reparaturarbeiten überlastet, daß sie keine Flugzeugträger mehr bauen konnten. Auf die Flugzeugträger aber kam es entscheidend an in einem Krieg, der über Meeresentfernungen von Tausenden von Kilometern geführt werden mußte.

Anzeige

Die Flugzeugindustrie vermöchte zwar ihre Produktion zu steigern und so zunächst die Ausfälle wettzumachen. Für wesentliche technische Verbesserungen oder gar Neuentwicklungen reichte es jedoch auch hier nicht. So blieb der „Zero“- Jäger während des ganzen Krieges das Standardmuster der Jagdluftwaffe, obgleich er den amerikanischen „Hellcats“ und „Corsairs“ technisch unterlegen war. Entsprechendes galt für die Qualität der Pilotenausbildung.

Im Mangel an Material und Personal, in der hoffnungslosen Unterlegenheit der Japaner lag denn auch der eigentliche Grund für ein Phänomen des ostasiatischen Krieges, das westlichen Zeitgenossen bis heute unbegreiflich scheinen will – für den Einsatz der Kamikaze, der japanischen Todesflieger. Ihr Erscheinen über den amerikanischen Flottenverbänden im Herbst 1944 leitete die Endphase des Krieges ein.

Über die Kamikaze gibt es bislang nur wenig Literatur, die über das rein Dokumentarische hinausgeht. Jetzt ist das Buch eines französischen Autors in deutscher Übersetzung erschienen:

Bernard Millot: „Kamikaze – Geist, Organisation und Einsatz der japanischen Todespiloten“; Paul Neff Verlag, Wien/Berlin 1972; 341 S., 29,– DM.

Service