Das nationalsozialistische ModellFaschismus und Bürgertum

Einige Fragen zu einer neuen Theorie von Klaus-Jürgen Müller

Von Klaus-Jürgen Müller

Wodurch wurden Hitler und der Faschismus möglich? Waren sie nur ein Produkt aus „Versailles plus Weltwirtschaftskrise“? War faschistische Herrschaft nichts anderes als die offene Diktatur des Finanzkapitals, wie es die heute noch in den sozialistischen Ländern gültige Faschismus-Definition der Komintern besagt? Oder war sie bloß die Herrschaft wildgewordener Kleinbürger, wie manche bürgerlichliberalen Betrachter meinen? Die historisch-politischen Wissenschaften fragen seit längerem nach Ursachen, Entstehung und Eigenart des Faschismus. Seit Ernst Noltes umfassendem Werk hat die wissenschaftliche Diskussion an Niveau wie an Kontroverse gewonnen. Starke Impulse erhielt sie von einer Sozialwissenschaft, die auch marxistische Kategorien einbezieht:

Reinhard Kühnl: „Formen bürgerlicher Herrschaft I. Liberalismus–Faschismus“; rororo aktuell 1342, Reinbek 1971; 190 S., 3,80 DM.

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Der Marburger Politologe und Abendroth-Schüler hat mit den Methoden einer solchen kritischen Sozialwissenschaft die Bedingungen untersucht, unter denen parlamentarische Demokratie in faschistische Herrschaft umschlägt. Er ordnet den Faschismus in die Entwicklungsgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft ein und sieht sowohl liberale Demokratie wie faschistische Diktatur als Formen bürgerlicher Herrschaft an, die jeweils bestimmten Entwicklungsphasen und Krisenlagen dieser Gesellschaftsform entsprechen.

Das liberale System, einst ein progressives Geschichtsmoment, enthüllte bei fortschreitender Entwicklung der industriellen Gesellschaft immer offener seine inneren Widersprüche. Von Anbeginn gab es eine Diskrepanz zwischen politischrechtlicher Gleichheit und sozialer und ökonomischer Ungleichheit. So wurde der Liberalismus mehr und mehr ein System zur Erhaltung der Ungleichheit.

In dem Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg geriet die bürgerliche Gesellschaft in eine andauernde, tiefe soziale und ökonomische Krise. Die bestehende Herrschaftsform, die parlamentarische Demokratie, ließ sich ohne Gefährdung der sozialen und ökonomischen Interessen der bisher führenden Schichten nicht mehr aufrechterhalten. Ihre Massenbasis und damit ihre Herrschaftslegitimation drohte zu zerbrechen.

Hier ist nun – nach Kühnl – der historische Ort des Faschismus: Seine politische Funktion bestand darin, die demokratische und sozialistische „Bedrohung“ der etablierten bürgerlichen Gesellschaft auszuschalten und die überkommene Gesellschaftsordnung durch eine neuzuschaffende Massenbasis zu stabilisieren. Neuartige Methoden der Massenpropaganda, die der spezifischen Mentalität bestimmter Sozialschichten und der veränderten sozio-ökonomischen Lage angemessen waren, halfen die Massen zu gewinnen.

Seine soziale Basis fand der Faschismus im alten und neuen Mittelstand. Die Eigenart dieser kleinbürgerlichen Protestbewegung gegen Sozialismus und Demokratie und die Ursachen ihres Aufstieges – Kühnl nennt hier sozio-ökonomische Krisen, die Politik der „herrschenden Klasse“ (ein Terminus, der wie die von K. benützten Synonyme unscharf bleibt) und das Versagen der „Linken“ – sie waren just der Grund dafür, daß der Faschismus ein bedeutsames Eigengewicht erhielt und keineswegs nur, wie es die orthodoxmarxistische „Agenten“-These will, ein willenloses Werkzeug des Finanzkapitals gewesen ist.

Kühnl zeigt dies an der Struktur des faschistischen Herrschaftssystems. Das Verhältnis von bisherigen Oberschichten und Faschismus gestaltete sich keineswegs problemlos. Faschistische Herrschaft war weder totale Unterdrückung aller gesellschaftlichen Schichten noch offene Herrschaft des Kapitals. Gewiß: der Faschismus sollte die ökonomischen und gesellschaftlichen Interessen der bisher herrschenden Schichten wahren; das aber widersprach objektiv der Interessenlage seiner mittelständischen Anhängerschaft; das widersprach auch der faschistischen Propaganda und dem Selbstverständnis der Bewegung. Daraus resultierte nicht zuletzt die Divergenz zwischen dem Eigengewicht der faschistischen Bewegung und den Interessen der Oberschichten.

Kühnl findet nun einen fruchtbaren Ansatz zur Interpretation derartig komplexer Befunde. Er geht aus von einer in den zwanziger Jahren schon von August Thalheimer entwickelten Theorie, nach der die Struktur faschistischer Herrschaft als Bündnis einer faschistischen Massenbewegung mit maßgeblichen Gruppen der „herrschenden Klassen“ zu bestimmen sei, ein Bündnis, das auf gemeinsamen Zielen und Interessen beruhte. Die alten Oberschichten haben die politische Führung an die faschistische Partei abgegeben und sich dafür die Sicherung ihrer sozialen und ökonomischen Position eingehandelt.

Dieses Modell entwickelt Kühnl weiter: Es müsse auf Grund der empirischen Forschungsergebnisse als erheblich komplizierter angesehen werden. Einerseits hätten sich die überkommenen Führungsschichten noch im Staatsapparat Reservate erhalten können, anderseits habe auch die faschistische Exekutive lenkend und planend in diese Bereiche und überhaupt auch in Wirtschaft und Gesellschaft eingegriffen. Neue und alte Führungskader verschmolzen zum Teil, oder es entwickelten sich faschistische Parallelorgane und -institutionen.

Kühnl meint daher, daß „die soziale Herrschaft der alten Oberklassen und die politische der faschistischen Partei nicht zwei scharf getrennte Bereiche waren, sondern sich sozusagen überlappten“. Die gemeinsame Basis war die prinzipielle Bindung an die kapitalistische Eigentums- und Gesellschaftsordnung, aber die faschistische Exekutive behielt sich in allen konkreten Entscheidungen darüber, was dem Regime am besten dient, das letzte Wort vor.

Kühnls Arbeit, reich an Gesichtspunkten und Akzenten, ist ein bemerkenswerter Versuch, die oft beziehungslos herumliegenden Ergebnisse der Einzelforschungen zusammenzufassen und in einen Theorie-Rahmen einzupassen, damit der Geschichtsverlauf nicht nur beschrieben, sondern auch begreiflich gemacht wird. Eine kritische Diskussion über diesen Versuch wird wohl, wenn unfruchtbare Kontroversen über Prinzipienfragen vermieden werden sollen, vornehmlich darauf abzustellen sein, daß aus jener Theorie abgeleitete Erklärungsmodell allseitig an den empirischen Befunden zu messen und womöglich zu modifizieren.

Muß nicht das faschistische Herrschaftssystem in seiner Entwicklung noch differenzierter gesehen werden? Einige der erwähnten Parallelorgane sind doch machtvoll ausgebaut worden, zum Beispiel die bewaffneten SS-Truppen; neuartige Instrumente wie die Einsatzgruppen des SD wurden ausgeformt. In dem einen Fall wurde der Bündnispartner, das alte Heer, zurückgedrängt, die Gewichte dieses Bündnisses wurden also erheblich verschoben. Im anderen Fall sollte offensichtlich eine Politik ausgeführt werden, die den Rahmen bisher gemeinsamer Zielvorstellungen überschritt.

Jüngst ist sehr lebhaft darüber diskutiert worden, wer im „Dritten Reich“ den Primat hatte: Politik oder Wirtschaft. Dabei hat sich klar ergeben, daß die beiden Kernpunkte des Hitlerschen Programmes – außenpolitische Expansion und Rassenkampf, beide übrigens schon in den zwanziger Jahren längst vor jeder Einwirkung ökonomischer Interessengruppen formuliert – nie durch irgendwelche Partikularinteressen des Bündnispartners in der Substanz beeinträchtigt worden sind. In diesen Punkten hat die NS-Führung immer ihren Führungswillen durchgesetzt, bisweilen, indem sie Interessendivergenzen innerhalb der Bündnispartner ausnutzte.

Es deutet manches darauf hin, daß die NS-Führung die Erhaltung und Förderung der privatkapitalistischen Ordnung zwar lange Zeit als geeignet und gar als notwendig erachtet hat, um von dem eigenen politischen Hauptziel soviel wie möglich durchzusetzen. Doch hat sie diese Ordnung kaum als Selbstzweck betrachtet, sondern immer nur instrumental gesehen. Man könnte fragen, ob sich nicht in den wirtschaftlichen Unternehmungen der SS schon ein Systemwandel angedeutet hat.

Weiterhin müßten die führenden Gruppen der faschistischen Herrschaft und Bewegung noch näher beschrieben werden, die im Gegensatz zu den Interessen ihrer Anhänger mit Gruppen der bisherigen Oberschicht paktierten. Diese Führungsgruppe bleibt bei Kühnl seltsam unscharf. Was waren ihre Motivationen? Wie erklären sich ihre Ziele, wenn sie weder Marionetten der herrschenden Klassen noch Interessenvertreter ihrer mittelständischen Anhängerschaft waren?

Sodann: Läßt sich ein Modell, das vornehmlich am deutschen Beispiel entwickelt worden ist, zur Grundlage einer generellen Faschismus-Theorie machen? Müßten dazu nicht, über die Analyse etablierter Herrschaftssysteme hinaus, auch Eigenart und Entstehung anderer faschistischer Bewegungen untersucht werden, die immerhin in einigen Ländern eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben? Sie hatten teils eine andere soziale Grundlage, teils entstanden sie unter recht andersartigen sozialen, ökonomischen und politischen Voraussetzungen.

Wenngleich also manches noch Zu überdenken ist, so bleibt Kühnls Buch doch ein wichtiger und konstruktiver Beitrag zur Erfassung eines der bösartigsten Phänomene unserer Epoche.

Sicher gehört der Faschismus noch nicht gänzlich der Vergangenheit an. Warum das so ist, wird in einem gleichfalls von Kühnl herausgegebenen Band erörtert:

Kurt Lenk, Arno Klönne, Wolf Rosenbaum, Gerhard Stuby: „Der bürgerliche Staat der Gegenwart. Formen bürgerlicher Herrschaft, II“; Rowohlt, Reinbek 1972; 173 S., 3,80 DM.

Nach der Prämisse der Autoren ist die bürgerliche Herrschaft des 19. Jahrhunderts auch in den heutigen hochindustrialisierten Staaten Westeuropas noch nicht beendet. In ihnen seien liberale wie faschistische Elemente erkennbar, doch offensichtlich könnten sie allein die politische Herrschaftsform nicht hinreichend kennzeichnen.

In vier Essays werden die modernen staatlichen Planungs- und Steuerungsmechanismen (Rosenbaum), konservative Ideologien (Lenk) und bürgerliche Demokratietheorien (Stuby) untersucht. Klönne fragt nach der Bedeutung der sozialdemokratischen Parteien für die Herrschaftsverhältnisse in westlichen Industriegesellschaften. Die Kritik der Autoren orientiert sich an radikal-demokratischen oder sozialistischen Modellen. Sie ist entsprechend grundsätzlich. Doch erheben sie nicht den Anspruch, einen in sich geschlossenen Abriß der gegenwärtigen politischen Herrschaftsverhältnisse zu liefern noch eine Systemalternative zu skizzieren; sie möchten lediglich die gegenwärtige staatliche und soziale Ordnung verstehen helfen.

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