Warum der „Spiegel“-Herausgeber Bonn den Rücken kehrte

Von Haug von Kuenheim

Die Ankündigung des FDP-Abgeordneten Rudolf Augstein, er werde sein Mandat niederlegen und wieder in den Sessel des Herausgebers zurückkehren und obendrein die Position eines Chefredakteurs des Spiegel einnehmen, hat Überraschung und Verwirrung gestiftet.

„Kann“, so fragt die Stuttgarter Zeitung, „ein Journalist, und sei er noch so prominent, aus angeblich innerbetrieblichen Gründen mir nichts, dir nichts aus dem Bundestag und deraktiven Politik ausscheiden?“ Und sein Stenz-Kollege und Wahlhelfer Henri Mannen mahnte ihn in einem offenen Brief: „Du bist uns und vor allem Deinen Wählern und Lesern doch wohl einige Antworten schuldig.“ Auch „Monitor“-Moderator Claus Hinrich Casdorff zürnte: „Rudolf Augstein hat seiner Glaubwürdigkeit geschadet.“ Besorgt fragte schließlich der Altenbeker Schützenverein aus dem Wahlkreis 106, Paderborn und Paderborn Land, ob ihr Wahlkreiskandidat nicht trotz allem wenigstens noch zum Schützenfest kommen könne.

Viele Fragen allenthalben. Die offizielle Erklärung für den Rückzug des Bundestagsfrischlings Augstein aus Bonn: Weil Chefredakteur Günter Gaus den Spiegel zum 31. März verläßt, muß der beurlaubte Herausgeber sich opfern und zurück in die Fron journalistischer Arbeit. Denn zwei Spiegel- Köpfe von dem Format eines Gaus und eines Augstein gleichzeitig könne das Blatt nicht entbehren. Über den Grund, weswegen Gaus geht, gehen will oder gehen muß, wird längst offen geredet: Er soll Brandts Mann in Ostberlin werden. Noch gibt es keine Job-Spezifikation, auch wohl nur ein inoffizielles Ostberliner Einverständnis; bloß der Titel steht fest: Staatssekretär. Der Designierte selber – wie anders ist es von einem angehenden Diplomaten zu erwarten? – hüllt sich in Schweigen.

Millionen Fernsehzuschauer erinnern sich noch. Es war am 17. September letzten Jahres. Die Auftaktsendung der 19. Deutschen Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne für jung und alt“ war zu Ende, als Günter Gaus einen Herrn in den besseren Jahren mit auffallend klugen und konzentrierten Augen hinter randloser Brille „Zu Protokoll“ befragte. „Sie sind ein Glückskind“, sagte Gaus zu jenem Herrn, „erfolgreich, anerkannt als geradezu der Spitzentyp des westdeutschen Intellektuellen Ihrer Generation, reich und also materiell unabhängig, ein Sonntagsjunge.“

Der nun bald 50jährige Sonntagsjunge war Rudolf Augstein. Nach 25 Jahren Arbeit im Spiegel zog es ihn in die praktische Politik. Er hatte sich Scheels Liberale ausgewählt, für die er streiten und für die er in den Bundestag einziehen wollte. „Ich möchte tatsächlich etwas Neues anfangen“, bekannte Augstein seinem Chefredakteur.