In Berlin sammelt sich in diesen Tagen eine Bürgerinitiative zur Bewahrung der Kreuzberger „Luisenstadt“; in München haben „die Bürger“ das Café Annast gerettet, den Stadtteil Lehel als Wohnort verteidigt, soeben zwar den Kampf gegen den Bau des Europäischen Patentamtes ebendort verloren, dafür aber etwas anderes gewonnen, nämlich politisches Selbstbewußtsein. In vielen anderen Orten der Bundesrepublik haben die Bürger in der noch relativ kurzen Zeit ihrer Aktivitäten überraschend viel bewirkt, am Wochenende wurde die „Frankfurter Aktionsgegemeinschaft Westend“ sogar mit dem Theodor-Heuß-Preis dekoriert. Bundespräsident Heinemann pries den mündigen Bürger mitsamt seiner „Sachkunde, Phantasie und Initiative“. Und wer dazu weiß, daß „die Stadt“ inzwischen zum – ausdrücklich gewünschten – Arbeitsthema an Gymnasien geworden ist, wird nicht umsonst hoffen, daß sich das Engagement der Bürger für ihre natürliche wie ihre gebaute Umwelt stetig verstärkt.

Oft decken sich Begeisterung und Wissen nicht. Selbst Bürgermeister mußten (unlängst in Tutzing) bekennen, daß ihnen das Kauderwelsch der Planer beim Verstehen von Bauleit-, Flächennutzungs-, Sozial-, Struktur-, Grünordnungs- und dergleichen Planungen im Wege ist. „Da geht einem ja der Überblick verloren, man wird schließlich planungsscheu“, stöhnte der Tutzinger Bürgermeister Leclaire. Um wieviel erbarmungswürdiger klingen da erst die Seufzer der Bürger, wenn sie versuchen, dem Aufruf zu folgen, eingedenk ihrer demokratischen Rechte kritische Öffentlichkeit zu praktizieren.

Zwar nicht die Planungssprache, aber das Phänomen der Stadt wird nun endlich einmal so dargestellt, daß klar wird, worum es eigentlich geht. Auf ein Buch wie dieses habe ich immer schon gewartet –

Ulrich Conrads: „Architektur – Spielraum für Leben“; C. Bertelsmann Verlag, München/Gütersloh; 192 S., etwa 300 Abb., 24,– DM.

„Es ist“, schrieb der Autor, Chefredakteur der Wochenzeitschrift „Bauwelt“, „der Versuch, in einer mehr lockeren, assoziativen als logischen Folge Probleme unseres Stadtlebens einem nicht fachlich vorgebildeten Publikum vor Augen zu führen.“ Er nennt Hausfrauen und Hausbesitzer, Lehrer und Studenten, Mieter und Wohnungsbaugesellschafter, Anwälte und Kommunalpolitiker, Ärzte und Sozialarbeiter, Steuerzahler und Steuereinnehmer, Fußgänger und Autofahrer – worunter sich auch einige Architekten und Planer befinden.

Der Versuch ist gelungen. Ich habe die sich bisweilen geradezu entmutigend spröde darbietende Materie noch niemals als so kurzweilig empfunden. Ihre verschiedenen Aspekte sind farbig erzählt, treffend etwa durch Zitate – pointiert, plausibel dargestellt und sehr anschaulich illustriert. Man hat den Eindruck erfrischender Improvisation.

Wer meint, ihn erwarte ein Lamento auf die „gemordete Stadt“, irrt. Natürlich werden Fehler beklagt und Verluste, die ihnen folgten – aber es werden auch ganz klar Hinweise auf die Zukunft gegeben. „Mündige Stadtbürger begründen 5 Sofortmaßnahmen“ formuliert Ulrich Conrads und nennt: