Film: „Die Schlacht um Berlin“Ehrenmal aus Zelluloid

von Karl-Heinz Janßen

Die Russen kamen als erste nach Berlin. Jener Wettlauf, den Stalin und Churchill und ihre Marschälle Schukow und Montgomery im Frühjahr 1945 untereinander austrugen, wird jetzt auf der Leinwand noch einmal ausgetragen. Und wiederum waren die Russen früher da: Noch ehe der britische Film über „Die letzten zehn Tage“ Adolf Hitlers überhaupt angelaufen ist, werden „Hitlers letzte Tage“ in russischer Fassung dem westdeutschen Publikum dargeboten. Das Ganze ist freilich ein Reklametrick des deutschen Verleihs, denn es handelt sich um den letzten Teil eines gewaltigen sowjetischen Filmepos über den Zweiten Weltkrieg („Osswobodshdenje“ – Die Befreiung) mit dem Originaltitel „Schlacht um Berlin“.

Von den vier Teilen dieser Kolossal-Farbfilm-Serie ist dieser zweifelsohne der schwächste – manchmal scheint es, als sei dem Regisseur Jurj Oserow allmählich der Atem ausgegangen, so wie den sowjetischen Truppen auch, die sich bei der Eroberung Berlins, des endgültigen Sieges sicher, nicht allzusehr beeilten.

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Aber Zuschauer, die bisher nur den Schluß kennen, sollten nicht vorschnell urteilen: der Anfang, eine Wiederholung der Panzerschlacht bei Kursk und Orel, war ein Furioso an Realismus, das alle alliierten und deutschen Dokumentar-Kriegsfilme in den Schatten stellte. Auch jetzt noch verraten die fast unerträglich lange Darstellung des Kampfes um den Reichstag und die Szenen im überfluteten U-Bahn-Schacht die Hand des Meisters. Doch der Film leidet an seiner Zwiespältigkeit: Bis zuletzt hat sich Oserow nicht entscheiden können, ob er einen Antikriegsfilm oder ein Heldenepos drehen sollte. Beides läßt sich nicht miteinander vereinbaren.

Vielleicht haben politische Auflagen dem Regisseur das Konzept verdorben. Denn dieses Unternehmen ist eine höchst wirkungsvolle Propagandaleistung, das schon deswegen unsere Aufmerksamkeit verdient. Oserow wollte oder sollte zeigen, daß die Befreiung Europas von der faschistischen Herrschaft vor allem dem opferreichen Kampf der Roten Armee zu verdanken sei. Die zwanzig Millionen Kriegstoten der Sowjetunion sollen den politischen Anspruch auf ein Mitspracherecht in Europa und vor allem in Deutschland untermauern.

Da ist es nun sehr bezeichnend, wie Oserow die Akzente setzt: Der Gegner wird niemals verächtlich gemacht; die deutschen Soldaten kämpfen nicht weniger tapfer und ausdauernd als die russischen; die deutschen Offiziere sind eigentlich nie zur Karikatur mißraten. Auch bei der Auswahl der Typen und Masken für das Führerhauptquartier hat sich der Regisseur nie von Gefühlen leiten lassen, sondern sich um peinliche Genauigkeit bemüht, so sehr, daß Figuren wie Bormann, Göring, Goebbels, Himmler viel sympathischer und biederer ausfallen, als sie in Wirtlichkeit waren. Sie sind aller Züge des Unheimlichen, des Verschlagenen, des Grausamen entkleidet.

Überhaupt sind jene Szenen, auf die der Verleih mit seinem Titel spekuliert – Hitlers Verfall, Hochzeit und Selbstmord im Bunker der Reichskanzlei – zum Teil ebenso peinlich wie lächerlich, und dies, obwohl der DDR-Schauspieler Fritz Dietz eine hervorragende Hitler-Studie bietet: mit hängenden Schultern und schlurfendem Gang, mit tiefen Augensäcken und schon halb ermattetem Blick, eben noch geschüttelt von Ausbrüchen irrsinniger Hoffnung und verzweifelter Wut, dann wieder apathisch im Sessel hängend oder gedankenverloren vor dem Bildnis Friedrichs des Großen.

Die Götterdämmerung im Führerbunker einzufangen, dieses Nebeneinander von Shakespeareschem Königsdrama und spießbürgerlicher Klamotte glaubwürdig darzustellen, muß jeden Regisseur überfordern. Oserow erlag der Versuchung, alles breit auszumalen.

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