Erving Goffman: „Asyle – Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 367 S., 20,– DM.

Auch dieses Buch erreicht den deutschen Leser mit zehnjähriger Verspätung.

Goffman hat das soziale Leben in Heilanstalten, die Anpassungszwänge, denen es die Insassen aussetzt, und die Beschädigungen des Selbst, die es hervorruft, minuziös studiert. Für ihn sind die psychiatrischen Anstalten totale Institutionen wie Zuchthäuser, Kadettenanstalten, Konzentrationslager oder Klöster – Einrichtungen, die dadurch charakterisiert sind, daß sie das Leben ihrer Insassen einer lückenlosen Reglementierung und Kontrolle unterwerfen. Das primäre Interesse der totalen Institution besteht darin, daß die Insassen sich leicht verwalten lassen, und dieses Primärinteresse muß notwendig kollidieren mit der offiziellen Zielsetzung: Menschen zu helfen, die in Schwierigkeiten sind, Bleibt der Widerspruch unerkannt und wird er nicht aufgehoben, so verfällt der humane Auftrag zu bloßer Ideologie. Die Konsequenzen, die sich daraus für das Schicksal der Patienten und das Selbstverständnis des Personals ergeben, sind der Gegenstand von Goffmans Analyse.

Das Personal glaubt, eine medizinische Dienstleistung zu erbringen, und die ganze Klinikaktivität hat laut Goffman vor allem den Zweck, diese Fiktion aufrechtzuerhalten. Das „diffuse Mandat“ des Psychiaters erlaubt eine totale Mystifikation der Situation. Denn alles, was der Patient tut oder jemals getan hat, unterliegt der psychiatrischen Diagnose, und was immer über ihn verfügt wird, dient angeblich therapeutisches Notwendigkeiten, auch wenn es sich um rein disziplinarische Maßnahmen handelt. Das Buch erschien: 1961 in den USA, und daran muß mal sich angesichts der Beispiele, die Goffman bringt, erinnern: Daß etwa aggressiven Patienten sämtliche Zähne gezogen werden und das dann „Beißtherapie“ heißt, ist für heutige Verhältnisse zumindest atypisch. Aber der Elektroschock erfreut sich noch immer einer gewissen Beliebtheit, und der Gewaltcharakter dieser eher der Einschüchterung als der Heilung dienenden Maßnahme wird durch die Anwendung von Muskelrelaxiantien allenfalls verschleiert. Aber selbst noch modern; Formen der Gruppenpsychotherapie folgen prinzipiell dem gleichen Muster der Abwehrstrategie der Institution, wenn etwa dem Patienten eingeredet wird, die Probleme, die er mit dem demütigender, und frustrierenden Anstaltsmilieu hat, seien bloß Probleme seiner ungeordneten Innenwelt.

Die Lage des Patienten ist nahezu hoffnungslos. Die Hospitalisierung entfremdet ihn der Gesellschaft und sich selbst; jede Gegenwehr aber, so berechtigt sie auch sein mag, liefert ihn erst recht der Institution aus. Denn diese deutet jedes Anzeichen von Widerstand als Krankheitssymptom und damit als Legitimierung ihrer Verfügungsgewalt über den Patienten. Dessen einzige Chance besteht in der Unterwerfung; er muß die moralische Karriere des perfekten Insassen durchlaufen und sich durch Bravheit und Gehorsam, durch Infantilisierung also, den Aufstieg in der Hierarchie des Stationssystems verdienen.

Konformität gegenüber dem disziplinarischen Anspruch wird dann zum entscheidenden Kriterium für seine Entlassung; sie gilt als therapeutischer Erfolg und als günstige Prognose dafür, daß es dem Patienten gelingen wird, „draußen“ konform zu reagieren. Entlassung nämlich heißt in der Regel nichts anderes als Rückkehr in ein System, von dem die psychotische Reaktion des Patienten nur ein natürlicher Bestandteil war; statt es zu verändern, dressiert man den, der es zu entlarven drohte. Die zwischenmenschliche Situation des Patienten aber in Diagnose und Therapie einzubeziehen, muß der Klinik schon darum mißlingen, weil sie dann unausweichlich auch mit der Notwendigkeit konfrontiert wäre, Symptomverhalten als Reaktion auf die Anstaltsbedingungen zu begreifen. Unter solchen Umständen hat Goffman wohl recht, wenn er sagt, hohe Entlassungsziffern könnten ebensogut als Beweis für die mangelhafte Arbeit der Klinik gewertet werden – soweit sie nicht einfach, wie manche Psychiater zynisch meinen, dem Umstand zu verdanken sind, daß Betten frei werden müssen für neue Patienten.

Goffman kommt zu dem Schluß, daß der eigentliche Zweck der psychiatrischen Anstalt darin besteht, einen Unterschied zwischen zwei Kategorien von Personen zu inszenieren: zwischen den Insassen und denen, in deren Auftrag die Insassen eingesperrt sind. Wer drinnen sitzt, ist dabei weitgehend Zufall, und nicht ihm dient die Institution; die wahren Klienten sind draußen. Um diesen wahren Klienten das Leben zu erleichtern, werden die Insassen einer selbstentfremdeten Knechtschaft unterworfen.