Von Hayo Matthiesen

Der Dirigent hat den Taktstock schon in der Hand, das Orchester schickt sich an, den Musikabend in der Bergener Konzerthalle mit der Uraufführung eines Stückes von einem jungen norwegischen Komponisten zu beginnen, da geht die Tür noch einmal auf. Herein kommt ein etwa vierzehnjähriger Junge in Anorak und Gummistiefeln, die Wollmütze in der Hand, auf dem Rücken einen großen Tornister. Er findet im vollbesetzten Saal nicht gleich seinen Platz und läßt sich einfach auf dem Boden nieder, wo noch ein paar andere Schüler sitzen. Das Konzert beginnt.

Solche Szenen haben mich bei einem Besuch in Bergen und Oslo immer wieder überrascht, bis ich merkte, daß sie in Norwegen gar nichts Besonderes sind. Daß Kinder ins Theater, in Konzerte oder in die Oper gehen, ist ebensowenig ungewöhnlich wie ihre oft alltägliche Kleidung bei diesen Anlässen. Auch bei Erwachsenen spürt man nur selten jene steife Feierlichkeit, die sich beim Kunstgenuß so gern einstellt. Manche sitzen da in Hut und Mantel im Konzertsaal und haben die Einkaufstasche unter den Stuhl gestellt, so als wären sie nach Büroschluß gerade hereingekommen. Es ist eigentlich selbstverständlich, daß sie da sind, daß sie den Raum bis auf den letzten Platz füllen und sich Händel und Mozart anhören: Kunst und Kultur gehören in Norwegen zum täglichen Leben.

Im Munch-Museum in Oslo wiederum fühlte ich mich durchaus an einen Kindergarten erinnert. Da wandert plötzlich eine Vorschulgruppe von Fünf- bis Sechsjährigen durch die Räume, hockt sich hier und da vor ein Gemälde, und eine Pädagogin erzählt ihnen, was sie da sehen können. Aus dem Keller dringt lauter Kinderlärm. Dort ist ein Spiel- und Zeichenzimmer eingerichtet, eine ganz normale Vorschule, in der auch Besucher ihre Kinder „deponieren“ können, wenn sie sich die Sammlung ungestört ansehen möchten. „Wir im Munch-Museum“, so wird offiziell erklärt, „legen großen Wert darauf, daß unsere Türen auch für Kinder offen sind. Wir glauben, daß es für sie wichtig ist, mit einem Teil unseres Kulturerbes vertraut zu werden.“

In Norwegen verläßt kein Kind die Schule, das dem „Kulturerbe“ nicht in vielfältiger Form begegnet wäre. Alle vierten bis sechsten Klassen gehen im Jahr mehrmals ins Museum – in Oslo insgesamt etwa eine Woche. Sie toben durch Gustav Vigelands gewaltigen Skulpturenpark und spielen Versteck in den Hallen, wo die herrlichen Wikingerschiffe aufgestellt sind. Aus Pflicht oder aus Neigung geht jeder Schüler mehrmals ins Theater; mancher hat alles gesehen, was von Henrik Ibsen, Ludvig Holberg oder Björnstjerne Björnson auf die Bühne gebracht wird. Immer wieder hören sie Musik: fünfzehnhundert Schülerkonzerte in einem Jahr, das ist wahrlich eine Leistung in einem Land, das gerade so viele Einwohner hat wie Berlin, knapp vier Millionen.

Wie den Kindern wird das „Kulturerbe“ auch ständig den Erwachsenen angeboten, und zwar nicht nur in den fünf großen Städten Oslo, Bergen, Trondheim, Stavanger und Tromsö, sondern ebenfalls in den weiten, abgelegenen Gegenden. Da gibt es die „Reichsoper“, eine Institution, die von Oslo aus Gastspiele bis hinauf nach Narvik arrangiert und Stars aus der Metropole in die Landstriche der Mitternachtssonne vermittelt. Da gibt es die „Reichsgalerie“, die dasselbe auf ihrem Gebiet tut und durch Ausstellungen Kunst auch in entlegenen Dörfern präsentiert. Da gibt es schließlich das „Reichstheater“, dessen spezielle Aufgabe es ist, im Lande umherzureisen, um vor allem in kleinen Städten Stücke aufzuführen oder mit den dortigen Bühnen gemeinsam zu inszenieren. In einem Jahr gab das „Riksteatret“ 862 Vorstellungen in 300 verschiedenen Orten.

Wohl in keinem anderen Ort des Landes aber spielt Kultur eine so zentrale Rolle wie in Bergen. Die alte Hanse- und Handelsstadt im Westen, ist neben Oslo das Musikzentrum des Landes, vor allem durch die jährlich im Frühsommer stattfindenden Festspiele (in diesem Jahr vom 23. Mai bis zum 6. Juni) und durch das Bergener Symphonie-Orchester. Außer dreißig öffentlichen Konzerten im Jahr gibt es etwa zwanzig Vorstellungen für Schüler. Das Orchester gastierte bereits in der Bundesrepublik und kommt jetzt wieder zu einer großen Tournee.

Bergen rühmt sich zudem der ältesten Musikgesellschaft der Welt, der „Harmonien“, die schon 1765 gegründet wurde, also zwei Jahre nach dem Siebenjährigen Krieg und ein Vierteljahrhundert vor der Französischen Revolution. Über „Harmonien“, über den Festspielen und dem Orchester aber rangiert in Bergen der Name des Mannes, um den sich in dieser Stadt wie in ganz Norwegen alles dreht, was mit Musik zu tun hat – um Edvard Grieg. Er wurde in Bergen geboren und lebte viele Jahre in der Nähe der Stadt; die große Musikhalle, die gerade in Bergen entsteht, wird den Namen Griegs tragen.

Sein gesamtes musikalisches Werk hatte Edvard Grieg der Stadt Bergen vermacht, was freilich wiederum für Norwegen nicht so absonderlich ist. Dasselbe nämlich taten Gustav Vigeland und Edvard Munch, die ihre Werke der Stadt Oslo hinterließen. Das gleiche tat auch die Eiskunstläuferin Sonja Henie, die einen großen Teil ihrer Kunstsammlung in eine Stiftung einbrachte und dazu noch etwa dreißig Millionen Mark für den Bau eines modernen Kunstzentrums in der Nähe von Oslo, die Henie-Onstad-Stiftung, gab. Denn auch das gehört zur norwegischen Kultur: die Bereitschaft der Künstler, ihr Schaffen dem Volk verfügbar zu machen. Wie stark diese Neigung etwa bei dem Bildhauer Vigeland ausgeprägt war, zeigt sich daran, daß er sein Atelier zweimal, 1916 und 1930, für alle Bürger Oslos öffnete; beide Male strömten an mehreren Tagen Tausende in die Werkstatt.

Das Verhältnis der Norweger zu Kunst und Künstlern hat also durchaus Tradition. Da es systematisch bereits auf der Schulbank gepflegt und auch mit öffentlichen Mitteln kräftig gefördert wird – die Theatersubventionen zum Beispiel decken rund 85 Prozent der Ausgaben –, ist der Erfolg überall an der erstaunlich regen Teilnahme der Bevölkerung an kulturellen Veranstaltungen abzulesen. Gewöhnlich sind alle Konzerte, alle Vorstellungen in der Oper und im Theater zu neunzig Prozent ausverkauft. Und in Oslo, wo nur knapp eine halbe Million Einwohner leben, besuchten 1971 eine Dreiviertel Million Menschen die 2100 Vorstellungen allein der Theater und der Oper.

Und doch gibt es noch einen weiteren Grund, der die vielfältigen kulturellen Aktivitäten und das rege Interesse an der Kunst erst ganz verständlich macht. Kjartan Rockland, der Direktor der Informationsabteilung in Bergen, erklärte ihn mir. „Wir sind eine Nation vor allem wegen unserer Kultur“, sagte er und meinte, daß Norwegen, das als Staat erst vor siebzig Jahren selbständig geworden ist, sich zuerst als eine Kulturnation, eine Nation durch Kultur, verstehe. Ohne eine eigenständige und lebendige Kunst könne Norwegen vielleicht rasch zu einer Provinz am Rande des politischen Geschehens werden, zumal dann, wenn es eines Tages in der Europäischen Gemeinschaft aufgeht. „Deshalb brauchen wir unsere nationale Kultur gerade heute“, sagt der Bergenser Rockland, „und deshalb tun wir so viel für sie.“

Das Bergener Orchester gastiert in Bremerhaven (28. 3.), Hanau (30. 3.), Offenbach (2. 4.), Rüsselsheim. (3. 4.), Bonn (4. 4.), Düren (5. 4.), Wuppertal (7. 4.), Hameln (8. 4.), Kiel (9. 4.).