Kim Ilsongs ausgewählte Werke

Kim Ilsong – deutsch als Kim Il Sung bekannt, vom Russischen her Kim Ir Seil transkribiert – ist der Staatspräsident und: Parteichef der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK). Im Gegensatz zu den vierbändigen „Ausgewählten Werken“ Mao Tse-tungs ist das fünfbändige Werk Kims im Westen kaum bekannt. Seit 1970 gibt es sogar einen ausgezeichneten umfangreichen Registerband zu diesen Werken, während es bisher – außer einem in Hongkong zusammengestellten kleinen Registerbändchen zu der englischen Ausgabe der Werke Maos – noch kein chinesisches Gegenstück dazu gibt.

Während Maos Werke nur jene Schriften umfassen, die er bis zum Vorabend der Gründung der Volksrepublik China geschrieben hat, enthält die nordkoreanische Sammlung Aufsätze, die Kim seit der Befreiung Koreas und der Gründung der DVRK bis zum V. Kongreß der Partei der Arbeit Koreas (PAK), also von 1945 bis 1970, geschrieben hat. Die Schriften in den späteren Bänden bezeugen ein hochentwickeltes theoretisches Niveau; ihre Lektüre ist für die Erforschung der Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus in Ostasien sehr ergiebig.

In deutscher Übersetzung liegt allerdings bisher nur der erste Band vor, der zum 60. Geburtstag (15. April 1972) „des Genossen Kim Ir Sen, ... des geliebten und verehrten Führers des ganzen koreanischen Volkes“ (so die Widmung) herausgegeben wurde:

Kim Ir Sen: „Ausgewählte Werke“, Band I; herausgegeben vom Institut für Parteigeschichte beim Zentralkomitee der Partei der Arbeit Koreas; Verlag für fremdsprachige Literatur, Pyongyang 1971; 686 Seiten.

Dem Leser zur Warnung: Die Übersetzung ist eigenartig, um nicht zu sagen schlecht. So lautet die Eingangsparole: „Arbeiter der ganzen Welt, vereinigt euch!“, an Stelle der vertrauten Formulierung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Kim ist zwar kein Stilist wie Mao, schreibt aber ein korrektes und klares Koreanisch; in der Übersetzung sind manche Stellen ausgesprochen holprig ausgefallen.

Die Aufsätze umfassen den Zeitraum vom Oktober 1945 bis zum April 1956, in den die schwierigen Jahre des Korea-Krieges 1950–1953 fallen. „Am 25. Juni begannen Truppen der Marionettenregierung des Verräters Li Syng Man (Syngman Rhee) mit dem allgemeinen Angriff an der ganzen Linie des 38. Breitengrades auf das Territorium des nördlichen Teils der Republik“, so heißt es, getreu dem nordkoreanischen Selbstverständnis, zum Kriegsausbruch.

Viele Stellen in den Aufsätzen widerlegen die gegenwärtige Geschichtsschreibung in der DVRK, in der die entscheidende Rolle der chinesischen Volksfreiwilligen im Korea-Krieg völlig ignoriert wird: „Wir können... siegen. Das beweist klar der neunzehnmonatige Verlauf des Krieges. ... Selbstverständlich wäre es eine andere Sache, wenn wir allein und isoliert kämpften ... Zusammen mit uns kämpft die Armee der chinesischen Volksfreiwilligen, die das chinesische Volk gesandt hat...“

Nachdem ich im vergangenen Jahr in der DVRK erlebt habe, wie dogmatisch die nordkoreanischen Historiker die Befreiung (Nord-) Koreas allein auf den antijapanischen Partisanenkrieg Kim Ilsongs zurückführen, wundere ich mich, daß auch die folgende Stelle aus dem Jahr 1945 unverändert geblieben ist: „Die heroische Rote Armee der Sowjetunion hat die japanischen Imperialisten vom Territorium unseres Heimatlandes vertrieben und dem koreanischen Volk die Freiheit und Unabhängigkeit gebracht... Wir werden die brüderliche Hilfe, die uns das große Sowjetvolk, die Rote Armee und Genosse Stalin erwiesen, niemals vergessen ... Seit dem Augenblick, da die Rote Armee koreanischen Boden betrat, wurde in Nordkorea damit begonnen, die Kommunistische Partei zu schaffen ...“

Aus dieser Kommunistischen Partei Nordkoreas wurde später die Partei der Arbeit Koreas. „Warum fuhren wir nicht fort, unsere Partei als eine kommunistische Partei zu entwickeln, sondern machten sie zur Partei der Arbeit?“ so fragt 1951 Kim selbst und antwortet: „... weil es angesichts der Besonderheit der Entwicklung unseres Landes auf der gegenwärtigen Etappe im Kampf für die Vereinigung und die Unabhängigkeit des Heimatlandes notwendig ist, die breiten Massen fest um die Partei zusammenzuschließen.“ Kim präzisiert im April 1955: „Es ist notwendig, unsere Partei, die Volksmacht und die gesellschaftlichen Organisationen zu stärken, alle patriotischen, demokratischen Kräfte des Volkes des nördlichen und des südlichen Teils des Landes noch fester um unsere Partei zu scharen und sie zum gesamtnationalen revolutionären Kampf gegen den USA-Imperialismus und die Li-Syng-Man-Clique zu mobilisieren.“

Im Dezember desselben Jahres belehrt Kim die Kader über den Geist der sogenannten Dtschutsch-(„Eigenständigkeit“-)Ideologie: „Wir führen die Revolution nicht irgendeines fremden Landes, sondern eben die koreanische Revolution durch... Wir studieren die Geschichte der KPdSU, die Geschichte der chinesischen Revolution sowie die allgemeinen Leitsätze des Marxismus-Leninismus, um unsere Revolution richtig durchzuführen.“ Wer nur Chinesisch und nicht auch Koreanisch beherrscht, glaubt sofort, Dtschutsche sei nichts anderes als eine Kopie der Maoschen Lehre „Tzu-li Keng-sheng“ („Aus eigener Kraft schaffen“). Der nordkoreanische Begriff ist jedoch in Entstehung, Entwicklung und Durchführung der Person Kim Ilsong allein zuzuschreiben. Die Maosche Devise stellt dagegen im Chinesischen keine sprachliche Neuschöpfung dar. Zum anderen ist der chinesische Begriff wirtschaftlichen Ursprungs, während der nordkoreanische Begriff primär politisch motiviert ist, und zwar im Hinblick auf ein „Nation building“, das auf dem Fundament des Sozialismus geschieht.

Die von Jahr zu Jahr zunehmende Zahl der Besucher aus der „Dritten Welt“ in der DVRK und meine persönlichen Gespräche mit ihnen dort bestätigen in der Tat die Anziehungskraft der Dtscbutscbe-ldeologie für sie. Allein die Tatsache, daß es kaum ein zweites Entwicklungsland gibt, das so groß, so reich an Naturressourcen ist und eine so unangefochtene politische Großmachtrolle spielt wie China, wirft die Frage auf, ob nicht das nordkoreanische Modell des „Nation building“ auf die vielen kleinen Entwicklungsländer eher anwendbar ist als das chinesische.

Kim hat der Frage der nationalen Einheit und der Wiedervereinigung stets große Bedeutung beigemessen. Unmittelbar nach dem Korea-Krieg (1953) schreibt er: „Die koreanische Nation ist einheitlich, Korea gehört den Koreanern. Die Koreafrage muß von den Koreanern selbst gelöst werden. Das koreanische Volk hat ganz und gar nicht den Wunsch, im Zustand der Spaltung zu bleiben, und keinerlei Kräfte der Aggression werden den Herzenswunsch und den Willen des koreanischen Volkes zur Vereinigung des Heimatlandes brechen können.“ So sehr Kim sich dagegen sträubt, etwa als „Nationalkommunist“ bezeichnet zu werden, so fragwürdig sind manche seiner Einstellungen im Lichte des „Proletarischen Internationalismus“ und im Hinblick auf die kommunistische Weltbewegung. Das wird deutlich, wenn er schon 1951 schreibt: „Das Gefühl der Vaterlandsliebe wird nur aus der tiefen Kenntnis der Vergangenheit unseres Heimatlandes, aus. der tiefen Kenntnis der besten Traditionen, der Kultur und der Sitten und Gebräuche der eigenen Nation geboren. Das Gefühl der Vaterlandsliebe ist nicht irgendein abstrakter Begriff, sondern ist die grenzenlose Liebe zum Boden, zur Geschichte und Kultur des Heimatlandes...“

Aus der „grenzenlosen“ Vaterlandsliebe ist aber inzwischen doch „die grenzenlose Liebe zu unserem großen Vater und Führer Kim Ilsong“ geworden: Kim gleich Vaterland. Und er ist absolut: Während ich in China außer den Werken Maos auch die von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Ho Tschi Minh und nicht zuletzt von Kim Ilsong kaufen konnte, sind die Werke der ausländischen Klassiker des Kommunismus aus den nordkoreanischen Buchhandlungen seit geraumer Zeit verschwunden. Dabei beklagte sich Kim noch 1952: „Unbefriedigend verläuft bisher die Arbeit zur Herausgabe der Werke von Marx, Engels und Stalin.“ Mehr noch: Ist in China noch immer allgemein von den „Mao-Tse-tung-Ideen“ die Rede, so spricht man in der DVRK bereits kategorisch vom „Kimilsongismus“.