Mailänder Börse: Im Aufwind der Abwertung
Italiens Aktienhausse nährt sich aus der Hoffnung auf bessere Zeiten
Noch vor acht Wochen wurde Italiens Börse als Aschenputtel Europas allgemein bedauert und gemieden. Denn wenn es in den letzten Jahren irgendwo auf der Welt abwärts ging, dann an den Kurstafeln im Mailänder Börsensaal. Zwei Jahre lang hielt Italiens Aktienbörse sogar den Rekord der „niedrigsten Kurse seit zwölf Jahren“. Erst Ende 1972 konnte die Statistik leichte Besserung verzeichnen.
Nur wenige Tage nach der Freigabe der Wechselkurse jedoch gingen die Kurse an Italiens Börsen plötzlich nach oben – sobald feststand, daß Rom für die Lira eine Abwertung in die Wege geleitet hatte. Und in den vergangenen Wochen kam es sogar zu einer stürmischen Hausse. Während in den letzten Jahren nur die Spekulation gelegentlich einzelne Papiere in Bewegung brachte, so hat der italienische Aktienmarkt in den letzten Wochen auf einmal wieder Leben bekommen. An manchen Tagen überstiegen die Umsätze in Mailand – der größten Börse des Landes – 100 Millionen Mark. Die Makler mußten Überstunden machen, um die Schlußkurse festzustellen.
Niemand konnte bisher so recht erklären, weshalb über Italiens Aktienmärkte so unversehen die Sonne scheint. Sicher sind die Konjunkturaussichten in den letzten Monaten langsam günstiger geworden. Und die anstehende Liraabwertung sorgt dafür, daß Italiens Exportbedingungen sich schlagartig verbessern. Allerdings fehlt bisher das von der römischen Regierung angekündigte umfassende Konjunkturprogramm. Zudem sind noch große Tarifkämpfe zu erwarten, die das optimistische Bild verdunkeln können.
Daß der plötzliche Kursanstieg etwas mit den währungspolitischen Maßnahmen zu tun hat, zeigt schon die zeitliche Übereinstimmung der beiden Ereignisse. So liegt die Vermutung nahe, daß jetzt an Italiens Börsen Geld angelegt wird, das an den übrigen Finanzmärkten nicht mehr so gut Unterschlupf findet wie bisher. Tatsächlich sind die meisten nationalen Aktienmärkte in Europa Ausländern seit einigen Monaten mehr oder weniger verschlossen worden. Noch bleibt die Flucht ins Gold. Aber auch hier zieht das Risiko gewisse Grenzen. Italienisches Fluchtkapital, das sich mit einem Währungsgewinn von kurzfristigen ausländischen Positionen löst, findet erstmals seit Jahren – mangels ausreichender anderer Möglichkeiten – den heimischen Aktienmarkt wieder attraktiv.
Die noch etwas vagen Aussichten einer baldigen Konjunkturbesserung spielen unter diesen Umständen eine gewisse Rolle. Dazu kommt aber auch die Tatsache der Kurssteigerungen selber. Je höher die Aktienkurse, desto mehr werden am bislang unattraktiven italienischen Aktienmarkt Kapitalerhöhungen und Bezugsrechte fällig. So nährt sich die neue Hausse zunächst einmal aus sich selber.
Das spekulative Element steht dabei an erster Stelle. So war in den letzten Wochen Montedison die Hauptattraktion. Im vergangenen Jahr wurde das Kapital dieses größten italienischen Chemikonzerns wegen hoher Verluste um die Hälfte herabgesetzt. Die Aktien im halbierten Endwert von 500 Lire sanken bald erneut auf 450 Lire. Als bekannt wurde, daß private und staatliche Aktionäre um die Konzernführung kämpften, verbreitete sich das Gerücht an der Börse, beide Seiten wollten sich durch Aufkäufe eine Vormachtstellung sichern. Der Erfolg: Montedison-Papiere stiegen auf über 700 Lire. Auch als die Verwaltung bekanntgab, daß der Konzern in den letzten vier Monaten 1972 rund 450 Millionen Mark Verlust durch außerordentliche Erträge ausgleichen mußte – nach über zwei Milliarden Mark Verlust für die ersten acht Monate – beeinträchtigte das die Kaufwut keineswegs.



