Unterhalten, Plaudern, welch eine Kunst
Schlagen wir das Budi an einer beliebigen Stelle auf:
ja, es war eine deliciöse Musik, allegro presto, eine Piece voll Anmut und Feuer, in der die Violinen sich jagten, die Accord Bettungen federten, die Timpani mit abgerissenen Schlägen den Antreiber machten — ein atemloses Fiedeln — wohin wollte man noch? Divertimenti nannte man diese Stücke: Unterhalten, Plaudern, welch eine Kunst! Dazwischen aber hörte man das nettartige, so durchaus unungewohnte, silberne, glückliche Lachen der Prinzeß, es mischte sich mit dem Klang der Cimbeln, der König zuckte ein wenig "
Und nehmen wir noch dies hinzu: „Aber wir haben unordentlich erzählt. Entsetzlich, wie konnte dem Autor das unterlaufen? Wie will er es je wieder gutmachen? Chers auditeurs, er nahm Rücksicht auf Euch, er wünschte Euch nicht zu verwirren — mit dem Erfolg, daß er nun tun muß, was, ihm so meidenswürdig erschien " . Wann mag das geschrieben sein? Unzweifelhaft haben wir es hier mit dem Spätbarock zu tun, aber genauso unzweifelhaft nicht mit Originalzitäten aus jener Zeit. Eher schmeckt das ein wenig nach Hofmannsthals Rosenkavalier Ba rock — und das ist die richtige Spur, denn Hofmannsthals Fragment „Danae oder die Vernunftheirat" legte — so der Autor — „den Keim zu diesem Tulpenbaum", der so zu bibliographieren ist — Wolf von Niebelschütz: JDer Blaue Kammerherr — Galanter Roman in vier Bänden"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 790 S, 28 — DM.
Dieser Roman erschien erstmals 1949, zu einer Zeit also, da die Kritiker klagten, in den Schubladen deutscher Schriftsteller habe man nach der Hitler Ära — allen Erwartungen entgegen — so gar nichts gefunden. Da also gab es diesen Roman des damals sechsunddreißigjährigen Autors, den man bislang nur als Dichter recht konventioneller Lyrik gekannt hatte.
Niebelschütz monströses Barock Spektakel er ; schien genau zur falschen Zeit. Wir hatten gerade die Hunger jähre hinter uns, und in den Jahren des Wiederaufbaus und Geldverdienens stand nur wenigen der Sinn nach einem Roman, der 1732 in einem fiktiven Insel Staat in der Ägäis — genannt Myrrha — spielt und auch noch vom leibhaftigen Sicheinmischen heidnischer Götter zu berichten weiß.
Die Kritik, sofern sie sich überhaupt äußerte, war eher etwas lau oder, wie die des „Sonntagsblatts", gereizt: Sieben Jahre habe der Verfasser an seinem Roman gestrickt, Staiingrad und totaler Niederlage zum Trotz, bösester Eskapismus also, und das sei nun dabei herausgekommen. Für den Charme dieses Buchs, für diese in deutscher Literatur doch recht ungewohnte Grazie besaß kaum jemand Gehör. Suhrkamp mußte das Werk (zwei Pappbände, schlechtes Papier) verramschen. Dennoch riskierte es der Verlag 1961 ein zweites Mal, jetzt als „Suhrkamp Hausbuch" zu niedrigem Preis, vom Autor gekürzt und in der Orthographie uni sein barockes Air gebracht. Walter Boehlich hatte die Neuauflage 1955 (nicht 1961, wie der Verlag jetzt auf der Buchschleife behauptet) im „Monat" rühmend vorbereitet und von einem Roman gesprochen, „der die gesamte Elendsliteratur durch seine Schönheit, Poesie und Kunstfertigkeit überragt" — woran er heute gewiß nicht mehr gern erinnert wird.
Aber was verschlugs? Auch das „Hausbuch" wanderte in den Ramsch. Und dann geschah etwas Seltsames: Seit etwa drei Jahren ist das Buch nicht mehr aufzutreiben. Ein Hamburger Buchhändler versicherte mir, er würde jedes Stück aufkaufen, das ich ihm nachwiese; er wisse nicht, woher er Exemplare für die danach verlangenden Kunden auftreiben solle.
- Datum 06.04.1973 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 6.4.1973 Nr. 15
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