Erst Tauziehen - danach Tauschneiden

Die Skipper hatten sich abgesprochen. Als das Küstenschutzboot „Thor" wieder einmal eine britische Fangleine überfuhr und Netz samt Beute verlorengingen, formierten sich die etwa zwanzig Fischtrawler zum Angriff. In Kiellinie umzingelten sie die Isländer. Zwei von ihnen suchten die „Thor" zu rammen. Da fielen von deren Schwesterschiff „Arvakur" die ersten Schüsse, keine vom Kaliber 10 5, sondern aus Gewehrmündungen. Auf der „Macbeth" und der „Portia" schlugen Kugeln ein. Es war der Abend des 23. April, Shakespeares Geburtstag.

Nun machen ein paar Schüsse (die niemanden trafen) aus dem cod war, wie der Kabeljaukrieg in Parodie des cold war, des Kalten Krieges genannt wird, noch keinen hat war, keinen wirklichen Feldzug zwischen Island und England (mit der Bundesrepublik als möglichem Verbündeten). Aber, wie es im „Kaufmann von Venedig" zutreffend heißt: „Schiffe sind nur Bretter, Matrosen sind nur Menschen; es gibt Landratten und Wasserratten, Landdiebe und Wasserdiebe — das heißt Piraten Der Piraterie beschuldigen sich beide Seiten in diesem Stück, das nun in seinen vierten, kritischen Akt geht und von dem, man nicht recht weiß, ob es eine Tragödie oder eine Komödie ist.

Anzeige

Der erste Akt begann 1952, als Island den fremden Fischfängern vor seiner Küste zum erstenmal ein seit Jahrzehnten unbestrittenes Recht abzusprechen suchte. Nach vierjährigem Tauziehen, das aber noch nicht zum Tauschneiden führte, wurde geschlichtet. Der zweite Akt (1958—1961) trieb die Handlung ein gutes Stück weiter, indem er die Grenze des isländischen Hoheitsgebietes vorverlegte: von vier auf zwölf Meilen. Ein Abkommen zwischen Reykjavik, London und Bonn wurde geschlossen und bei den Vereinten Nationen hinterlegt. Wie bei jedem guten, Drama kam nun, etwa in der Mitte des Konflikts, ein Moment der Scheinberuhigung. Der Moment wahrte zehn Jahre. Mit dem Auftritt einer neuen Linkskoalition in Island im Juni 1971; verbanden sich ominöse Trompetenstöße. Die deutschen und britischen Trawler waren zuvor ungefragt zu Objekten im Wahlkampf gemacht worden. Regierung und Opposition in Reykjavik hatten einander in Versprechungen überboten, wie weit man die Fremden diesmal in die offene See hinausjagen werde. Ermutigt durch den Lauf der Zeit, der jedem David mit vier Küstenschutzbooten eine reelle Chance gibt, Arm in Arm mit der Weltmeinung jeden AtomGoliath in die Schranken zu fordern, machte sich das isländische Kabinett an die Arbeit. Schon im August 1971 reiste der neue Außenminister Agustsson nach London und Bonn und verfocht die neue 50 Meilen Grenze. Das Auftauchen moderner Hochseefangflotten aus allen Teilen der Welt führte, so sagte er, zum rapiden Aussterben der Fische. Es gelte, die Reserven der Natur zu wahren — und damit Islands Lebensmöglichkeit. Die Behauptungen des Außenministers machten indes wenig Eindruck auf die Adressaten. Wenn Island so besorgt um den maritimen Umweltschutz sei, warum füge es seinen 800 Fangbooten, die jährlich fast 700 000 Tonnen Kabeljau, Schellfisch und Scholle fingen (britische Durchschnittsbeute vor Island in den letzten zehn Jahren: 180000 Tonnen), gerade jetzt 40 hochtechnisierte Trawler in der Größenordnung von rund 1000 Bruttoregistertonnen hinzu, lautete die Frage. Es gehe wohl mehr um Fischkonserven als um Naturkonservierung;. Auch die politische Couleur des neuen isländischen Fischfangministers Josefsson mißfiel manchen britischen Kommentatoren. Er ist Mitglied der (kommunistischen) Volksünion.

Aber der Hinweis auf die Parteizugehörigkeit half nicht weiter. Denn hinter dem Kollisionskurs der Küstenschutzboote stehen die 200000 Isländer wie ein Mann. Die Insel muß nahezu alles, was sie braucht, einführen. Eine Serie von Abwertungen hat die Empfindlichkeit der Währung des Landes gezeigt, das nicht genügend exportiert.

Aber auch die englischen Städte Hüll und Grimsby leben vom Fischfang und von den Fließbändern der Konservenfabriken. Die Briten, ein fischbesessenes Volk, sehen im selbstgefangenen Kabeljau ein Mittel, den Preis eines Gr undnahrungsmittels niedrig zu halten. 22 000 Seeleute sind zur Fangsaison vor Island emsig dabei, etwa ein Fünftel des Fischbedarfs heimzuholen. In den Ostküstenhäfen arbeiten weitere 20 000 an der mundgerechten Herrichtung der Fänge. Müßte die, Flotte sich nun, weil die Is länder im dritten Akt die Hoheitsgrenze von 12 auf 50 Meilen ausdehnen wollen, in andere Jägdgründe verziehen (Grönland, Labrador, Neufundland), so würden die Unkosten erheblich steigen. Solche Entfernungen vom Heimathafen bedingen Investitionen in Tiefkühlanlagen und Wetterfestigkeit. Englands Reeder legen, wie man weiß, aber ihr Geld lieber in japanischen Tankern an.

Vergebens pochten Briten und Deutsche auf das Abkommen von 1961. Vergebens eilten sie zum Europarat nach Straßburg und zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Dessen Spruch — ein Zwischenbescheid nur — untersagte zwar den Isländern die gewaltsame Durchsetzung der selbstgeschaffenen Neuregelung, ermahnte jedoch auch die Fängernationen, ihre bisherige Jahresbeute nicht zu überschreiten. Das Ziehen willkürlicher Meeresgrenzen müsse ebenso unterbleiben wie das Auftauchen neuer Superflotten, die mit Echolot jeden Fischschwarm orten und dann die See mit der Effektivität eines Staubsaugers leerfegen.

. Von solchen juristischen Eingriffen erhofften sich Briten und Deutsche vor allem Zeitgewinn. Eine Seerechtskonferenz der Vereinten Nationen ist geplant. Auf ihr soll über Hoheitsgrenzen gesprochen werden. Aber weil dort die Supermächte, vor deren Küsten sich wenig Fangenswertes herumtreibt, für eine möglichst niedrige Meilenzahl im Hoheitsbereich der kleinen, fischgesegneten Nationen plädieren werden, beugen diese vor und schaffen vollendete Tatsachen. Mehr als 20 Länder sind mit den herkömmlichen drei, sechs oder zwölf Meilen nicht mehr zufrieden. Die Südamerikaner (Chile, Peru, Brasilien und Argentinien) fordern eine Ausdehnung der Hoheitsgewässer bis zu 200 Meilen. Dagegen nimmt sich die isländische Korrektur noch gemäßigt aus.

Service