Mißglückte Nagelprobe in Berlin
Manchmal muß man sich an den Kopf fassen – was deutsche Politiker einem alles als Kompromiß zu verkaufen wagen. Zum Beispiel in Berlin.
Dort gab es einen Streit, welche Flaggen am Eröffnungstage der ersten sowjetischen Handels- und Industrieausstellung am Funkturm gehißt werden sollte. Die Bundesflagge, der Westberliner Bär, die sowjetische Fahne? Die Sowjets wehrten sich gegen das Aufziehen der Bundesfarben; bloß das Berliner Emblem aber hätte zu sehr nach drittem deutschen Staat ausgesehen. Der sogenannte Kompromiß: Es weht allein die Sowjetflagge vom Fahnenmast. Von Wittenberg bis Wladiwostok lachen sämtliche Kolchoshühner.
Da schreibt der Kanzler an Breschnjew, um ihm klarzumachen, daß Moskaus restriktive Auslegung der Vier-Mächte-Abkommen in puncto Zuordnung Westberlins zum Bund einen Schatten über den Ausgleich zwischen Bonn und Moskau lege; da weiß alle Welt, daß die Einbeziehung Westberlins in das Luftverkehrsabkommen, das Kulturabkommen und Abmachungen über wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit und wirtschaftliche Kooperation ein wunder Punkt ist; und da wird in Feiertagsreden immer wieder auf jenen Passus des Berlin-Abkommens verwiesen, in dem davon die Rede ist, daß die Bindung Berlins an den Bund bewahrt und weiterentwickelt werden soll. Bei der ersten Nagelprobe aber erlaubt man den Sowjets, ihren Kopf durchzusetzen.
So darf es nicht weitergehen, wenn Berlin nicht allmählich ins Hintertreffen geraten soll. Seine Verteidigung darf nicht der Springer-Presse überlassen werden; da muß sich schon die Obrigkeit ins Zeug legen. Westberlin hat jahrzehntelang ohne Sowjetmesse gelebt – warum jetzt die erniedrigenden Kompromisse? Breschnjew will etwas von Bonn – warum da das vorbeugende Weichwerden? Davon wird niemand beeindruckt.
Th. S.





