Von Gerhard Ziegler

Rüsselsheim

Es ging nicht um Flugzeugtypen, als Alfred Dregger fragte, warum es nicht möglich sein könnte, die Schallmauer zu durchbrechen. Der hessische CDU-Landesvorsitzende sprach von seiner Partei, von den nächsten Landtagswahlen im Herbst 1974 und von der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die Erfolgsserie fortzusetzen und über 40 Prozent der Wählerstimmen für die Union zu gewinnen. Das wäre in der Tat sensationell. Denn schon mit dem Sprung von 26,4 (1966) auf 39,8 Prozent (1970) hatte die Dregger-CDU mehr erreicht als erwartet werden konnte.

Mehr sei nun nicht drin, meinten deshalb auch CDU-Insider damals nach der Wahl. Aber bei der Aufarbeitung des hessischen Ergebnisses der Bundestagswahlen vom 19. November 1972 stellte man zwei Fakten fest, die dem Vorsitzenden Dregger Anlaß gaben, den Durchstoß durch die 40-Prozent-Schallmauer nicht mehr für unmöglich zu halten: 1. Einen Zustrom von SPD-Wählern und 2. eine gute Entwicklung in den Großstädten, in Regionen also, in denen die Union bisher gegenüber SPD und FDP nicht sonderlich überzeugend abschnitt.

Aber ehe es in den Wahlkampf geht, ziehen die Dregger-Mannen erst einmal am 12. Juni in die Bonner Beethovenhalle, um einen neuen CDU-Vorsitzenden zu wählen und einen neuen Vorstand. Sie werden ihre Stimme Helmut Kohl geben. Das ist heute schon sicher, obwohl es darüber noch nichts Offizielles gibt. Nicht sicher ist dagegen, ob der ehrgeizige Hesse Dregger in die Spitzengruppe der Union aufrücken wird. Das müssen die Landesverbände noch untereinander auskungeln: Wählst du meinen Kandidaten, stimme ich auch für deinen.

Nun haben die hessischen Unionsfreunde quantitativ nicht allzuviel in die große Familie einzubringen. Von der Zahl her besitzen sie bei Vorstandswahlen nur geringes Gewicht beim Tauschgeschäft. Aber Alfred Dregger im CDU-Vorstand, das wäre eine programmatische Entscheidung. In welche Richtung, darüber sollte der Kongreß „Leben in Freiheit“ am vergangenen Wochenende in Rüsselsheim eine Auskunft geben – ein Unternehmen, das in der Union erstmalig erprobt wurde. Dregger nannte es einleitend einen „Ort freier und offener Diskussion, einen Ort der Begegnung von Wissenschaft und Politik“ und abschließend ein „gelungenes Experiment“. Die „Theoriediskussion“ müßte weitergehen.

In der Tat: Die hessische Union hat durch den geballten Auftritt von Professoren, für jeden der vier Arbeitskreise einen, keinen Schaden genommen, sie hat sich ihr konservatives Grundkonzept akademisch absegnen lassen. Es hat sich – aber auch gezeigt, daß die junge CDU-Generation zur Kontroverse entschlössen ist. Der Landesvorsitzende der Jungen Union, Reinhold Stanitzek, konnte als Berichterstatter des Arbeitskreises „Freiheit und Demokratie in der Gesellschaft“ dem Plenum vermelden: „Insbesondere von den jüngeren Diskussionsteilnehmern wurde die Anwendung der Prinzipien der Demokratie auf dem gesellschaftlichen Bereich gefordert.“