Die Kurse fallen, die Zinsen steigen, die Wirtschaft ist nervös–diesmal greifen die Bremsen der Bundesbank

Allmählich bekommen die Bonner Stabilitätspolitiker Zutrauen zur eigenen. Courage. Bei der Verkündung des Schmidt-Friderichs-Programms herrschte noch unverkennbar Skepsis: Vor 1974, so der Tenor aller Äußerungen der Minister, seien Wirkungen nicht zu erwarten. Nun rechnet man mit kürzeren Fristen. Hans Friderichs hat vorausgesagt, daß bereits im September „erste Bremsspuren“ sichtbar werden könnten.

Diese Zuversicht gründet sich freilich weniger auf die Maßnahmen der Regierung als auf die Beschlüsse, die inzwischen in Frankfurt gefaßt worden sind. Die Bundesbank hat die Kredite bremsen unerwartet scharf angezogen. Sie ist offenbar bereit, ernste Liquiditätsprobleme bei manchen Banken in Kauf zu nehmen.

Tatsächlich war der Diskontsatz nur einmal (7,5 Prozent im Frühjahr 1970) für kurze Zeit höher als heute. Insgesamt sind sogar die Kreditrestriktionen weit schärfer als damals. Und was noch wichtiger ist: Diesmal können die Bremsen der Bundesbank greifen, weil durch Block-Floating und administrative Beschränkungen die Bundesrepublik gegen den Zufluß von „heißem Geld“ besser abgesichert ist.

Die „konzertierte Aktion“ von Frankfurt und Bonn hat erste psychologische Erfolge zu verzeichnen. Die Liquiditätsklemme, die sich hier und dort in der Wirtschaft abzeichnet und wieder zu extrem hohen Zinssätzen für täglich fällige Gelder geführt hat, drückt die Stimmung in weiten Bereichen der Wirtschaft. Trotz des Exportbooms, der alle Rekorde bricht, trotz der noch immer zunehmenden Neubestellungen und trotz im ganzen befriedigender – wenn auch keineswegs sensationell guter – Gewinne ist man in vielen Konzernzentralen skeptisch geworden.

Am deutlichsten zeigt sich der Stimmungswandel an der Börse. In noch nicht einmal drei Monaten sind die Kurse deutscher Aktien im Schnitt um 17 Prozent gefallen. Besonders schlecht ergeht es seit Wochen den Besitzern festverzinslicher Wertpapiere: Die Käufer der sogenannten „Stabilitätsanleihe“ haben bereits mehr als sechs Prozent ihres eingesetzten Kapitals verloren. Und die Äußerung von Bundesbankpräsident Klasen, er werde auch den „Zwölfprozenter“ hinnehmen, läßt weitere Kursrückgänge erwarten.

Freilich: Die Bundesbank handelt nur konsequent. Wenn der Geldwertschwund acht Prozent und mehr erreicht, erhalten die Sparer keine reale Rendite mehr. Ein Herunterdrücken der Inflationsrate nutzt also auf längere Sicht auch dem Besitzer festverzinslicher Wertpapiere, zumal er „bei Fälligkeit“ den vollen Nominalwert ausbezahlt bekommt. Klasen: „Unsere Politik ist nicht darauf gerichtet, Eigentum zu dezimieren, sondern zu erhalten.“