Deutschlands renommiertester Avantgarde-Künstler, Joseph Beuys, ist für Kunstsammler schon seit Jahren kein Geheimtip mehr. Trotzdem gilt es plötzlich als ausgemacht, daß der große Beuys-Boom erst noch kommt – vielleicht schon in diesem Jahr.

Die jüngste Publicity – in der Heimat durch Professorenstreit, international durch Ausstellungen in den USA – soll Nachfrage und Preise für Arbeiten des umstrittenen Professors nach oben schnellen lassen. Sicher dabei ist: Wenn Beuys jetzt bei einem breiteren Publikum ankommt, dann wird es eine große Teuerung geben.

Denn gemessen am Renommee des Künstlers sind Beuys-Arbeiten bisher noch relativ preiswert. Großformatige Multiples (Filzanzug, Kreuzschlitten, Schautafeln) gibt es bisher immer noch für 1000 bis 2000 Mark. Daneben ist eine ganze Reihe weniger gewichtiger Arbeiten, meist signierte Photographien, Postkarten oder Plakatdrucke, auf dem Markt. Wer zwischen zehn und 200 Mark in Beuys investieren will, der findet in dieser Spanne heute noch ein umfangreiches Angebot.

Bei der Produktivität des Künstlers und auch angesichts der Mühelosigkeit, mit der sich Photographien vergrößern und signieren lassen, besteht dabei Aussicht, daß der berühmte Deutsche auch weiterhin preiswert zu haben sein wird. Für die Beuysschen Massenproduktionen scheint die große Teuerung vorerst, ausgeschlossen.

Preissprünge bei den im herkömmlichen Sinne mehr künstlerischen Arbeiten mit begrenzten Auflagen sind dagegen sicher. So erwiesen sich zwei Beuys-Werke, die von deutschen Kunstvereinen Ende vorigen Jahres als Jahresgaben den Vereinsmitgliedern angeboten wurden, als Preisrenner.

Eine kleinformatige Schiefertafel des Kunstringes Folkwang kostete zur Jahreswende noch 200 Mark. Der Kunsthandel fordert jetzt schon 350 bis 400 Mark. Das „Objekt zum Drehen und Schmieren“ (mit Fett gefüllte Blechdose sowie Schraubenzieher) des Kunstvereins Mönchengladbach kostete seinerzeit 110, heute 450 Mark.

Als Spezialist für preiswerte Beuys-Arbeiten hat sich die Heidelberger Edition Staeck in letzter Zeit profiliert. Eines der jüngsten Beuys-Angebote aus Heidelberg läßt hoffen, daß jeder Interessent noch für geraume Zeit billig an einen Beuys kommt: offeriert wird eine „3-tonnen-edition“. Drei Tonnen wiegt die Gesamtauflage von 4000 Blättern (jeweils 100 Bearbeitungen von 40 verschiedenen – Photo-Siebdrucken auf PVC-Folie). Beuys hat sich vorgenommen, jedes Blatt individuell zu bearbeiten, Staeck will jedes Blatt für 150 Mark verkaufen – ob beide durchhalten, ist die Frage.

Trotz preiswerter Massenauflage zeigt sich auch bei Staecks Angebot eine typische Tendenz: Die aufwendigeren Beuys-Arbeiten mit kleiner Auflage sind meist sofort vergriffen. rod