Neun Uhr morgens am Finaltag in der Innenstadt von Belgrad: der Kopf des Holländers knallt mit Wucht gegen den Türrahmen des Streifenwagens, vier Uniformierte haben alle Mühe, den volltrunkenen Ajax-Fan auf den Rücksitz zu bugsieren. Noch sind es 12 Stunden bis zum Anstoß, es ist bedrückend warm, der Bierkonsum steigt, die Einsätze der Polizei nehmen zu. Belgrad empfängt seine Weihe als europäische Hauptstadt des Fußballs, als erste Stadt eines sozialistischen Landes, wie es im Programmheft stolz heißt, die Gastgeber eines Europapokalfinales ist. In den Gesichtern der Jugoslawen spiegelt sich weder Abscheu noch Entsetzen, sie stehen am Straßenrand oder an den Fenstern und sind maßlos erstaunt: endlos zieht sich der Strom der Fußballfans wie ein Karnevalszug durch die City.

Trompeten, Fahnen, Spruchbänder, Hupkonzerte, Sprechchöre – zur Mittagsstunde bietet der Boulevard der Oktoberrevolution ein Bild wie Mexikos Prachtstraße Reforma zu Hochzeiten der Fußballweltmeisterschaft. 50 000 Fußballnarren verwandeln die eher beschauliche Millionenstadt an der Donau in eine Kultstätte für Altafini und Co. Gerade ist Staatspräsident Tito mit seinen Gästen, dem Schah von Persien und der Kaiserin, unbemerkt zum Flughafen gefahren. Sie entfliehen dem Trubel in Richtung Brioni, besser gesagt: sie kapitulieren, denn das Stadtgespräch heißt Cruyff und nicht Farah Diba.

Die Einheimischen verhalten sich betont neutral. Schnell haben sie das Skandieren der Vereinsnamen gelernt, je nach Wunsch kommt ihr Echo: Juve, Juve oder Ajax, AAAAjax. Mit offenen Augen traumwandeln die Belgrader den ganzen Tag durch die eigene Stadt. Längst sind sie selbst Kulisse geworden. Die Handlung haben die Fremden übernommen. Nicht anders ist es abends im Stadion. Zwischen 45 000 enthusiasmierten Tifosis und dem 10 000 Mann starken Ajax-Gefolge sind die knapp 40 000 Jugoslawen akustisch und optisch kaum wahrzunehmen. Auf der Tribüne dirigiert ein Holländer in weiß-roter Ajax-Uniform einen Verkäufer mit einer ganzen Kiste Bier durch die Reihen. Darüber, auf antiquiertem Holzpodest, sitzen jene, die das Spiel zu dem machten, was es schließlich auf dem Rasen nicht wurde: ein Spektakel.

Über 700 Journalisten, darunter solche aus Zaire, Kuba, den Philippinen beweisen: König Fußballs Macht ist ungebrochen. Belgrad liefert einen Vorgeschmack auf die Weltmeisterschaftsendrunde im nächsten Jahr in der Bundesrepublik. Der Alkohol mag für einige Stimulans sein, die meisten benötigen keine Drogen, sie sind auch so high. Nur die, um die es geht, bleiben kühl. Die Faszination dauert 20 Minuten. Der Rest ist Schweigen. Ajax arbeitet so rationell wie ein Computer. Das 1 : 0 genügte.

Extraeinlagen gibt es nicht – auch wenn 400 Millionen vor den Bildschirmen darauf warten. Dies ist keine Werbeveranstaltung, hier geht es um die finanzielle Grundlage der nächsten Saison. Die Holländer halten sich haargenau an die Devise ihres Trainers: „Fußball ist ein Geschäft, und Geschäft ist Geschäft.“ Rolf Kunkel