Zwei Jahre und zwei Monate lang haben Bonn und Prag um die Zauberformel einer beiderseitig annehmbaren Ungültigkeitserklärung des Münchner Diktates von 1938 gerungen. Die CSSR-Forderung nach umfassender Nichtigkeit „von Anfang an“ (ex tunc) war Bonn zu viel, das deutsche Angebot „ungültig und von Anfang an ungerecht“ (ex nunc) Prag zu wenig.

Die Zauberformel ist nie gefunden worden. So noch konnte in dem jetzt vorliegenden deutschtschechoslowakischen Normalisierungsvertrag die Münchner Hürde genommen werden – durch eine juristische Konstruktion, die den umstrittenen Zeitpunkt der Nichtigkeit in der Schwebe und beide Seiten auf ihren Rechtspositionen beharren läßt. Das Hitler-Chamberlain-Daladier-Mussolini-Abkommen wird moralisch verurteilt und rechtlich für „nichtig“ erklärt. Niemand aber soll durch den neuen Vertrag Rechte verlieren, die er bisher besessen hat. An den Tauf- und Steuerregistern, den Heiratsurkunden und Staatsbürgerschaften wird nicht gerüttelt, auch wenn ihnen die damals in München geschaffenen Machtverhältnisse zugrunde liegen. Eventuelle strafrechtliche Folgen für sudetendeutsche „Landesverräter“ hat die ČSSR in einem einseitigen Vertragsbrief ausgeschlossen.

Was am 19. Juni paraphiert wird, ist kein staatsmännisches Glanzstück. Es ist ein kleingeschriebenes Tüftelwerk – kein Knüller, sondern ein später Füller im ostpolitischen Programmkatalog Bonns. Es ist ein Vertrag über die längst verstaubte Vergangenheit. Immerhin: Die Götz-Frank-Formel macht es möglich, daß Prag und Bonn endlich in die Zukunft hinein handeln können. A. K.