Die meisten derer, die sich Anfang der fünfziger Jahre um Inneres Gefüge und Innere Führung einer neuen Bundeswehr mühten, waren sich einer grundsätzlichen Ähnlichkeit der Lagen nach 1807 oder 1945 bewußt. Die Überzeugung, daß der Zusammenbruch weder zufällig noch auf das bloße militärische Kräfteverhältnis zurückzuführen sei, brachte sie in gleiche Front gegen die Traditionalisten ihrer Zeit wie einst die Reformer um Scharnhorst und Gneisenau. Die Feststellung, daß es kein Zurück in „heile“ Epochen gäbe, also keinen rettenden Rückgriff auf friderizianische oder Reichswehrtraditionen und daß eine neue Epoche mit einem neuen Menschenbild, einer neuen gesellschaftlichen Ordnung und einem neuen zwischenstaatlichen Beziehungsrahmen begonnen habe, traf hier wie dort auf erbitterte Ablehnung. Je stärker sich der Widerstand gegen die neue Konzeption formierte, desto intensiver beschäftigte uns das frühe Scheitern der preußischen Heeresreform und seine bis in unsere Tage spürbaren Folgen.

Hätte es in den Planungsjahren der Bundeswehr bereits Arbeiten wie

Heinz Stübig: „Armee und Nation. Die pädagogisch-politischen Motive der preußischen Heeresreform 1807–1814“; Peter Lang Verlag, Frankfurt 1971; 335 S., 44,– DM

gegeben, wäre auch manch andere hilfreiche Parallele deutlich geworden. Kritische Analysen dieser Art sind dazu geeignet, wichtige Anstöße für interdisziplinäre Forschung über das Subsystem Militär wie für konzeptionelle Entwürfe zu geben.

Stübig analysiert die Erziehungskonzeption der Heeresreformer nach historischen Kategorien und leistet damit gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des preußischen Reformwerks insgesamt. Die sorgfältige Darlegung der politischen Vorstellungen wie der pädagogischen Intentionen stellt einen faszinierenden Bezug zu den Problemen heutiger Menschenführung her.

Auch wird die notwendige Breite des Reformansatzes überzeugend dargestellt; sie reicht von der Heeresverfassung, dem Rekrutierungssystem und dem Militärrecht über Organisation und Ausbildung bis hin zu den Auswahl- und Beförderungsgrundsätzen. Daß die Heeresreform nur als Teil eines größeren politischen Konzeptes zu begreifen war, wird ebenso deutlich wie die Zwangsläufigkeit ihres Scheiterns, sobald der gesellschaftliche Gesamtprozeß rückläufig und reaktionär wurde. Solange die politische Mündigkeit des Staatsbürgers nicht in der Gesellschaft institutionalisiert war, bestand auch keine Chance, das pädagogische Selbstverständnis der Armee als „Korrektionsanstalt“ zu überwinden.

Sehr anregend ist in diesem Zusammenhang der Gedanke, den Elementen des Reformrezeptes nachzugehen, „welche die spätere Entwicklang des preußischen Heeres verhängnisvoll beeinflussen, indem sie den reaktionären Bestrebungen Vorschub leisteten“. Die gleiche Analyse würde sich auch am Konzept und Verwirklichung der Inneren Führung lohnen. Hamann hat in der „Armee im Abseits?“ erste Schritte in diese Richtung getan.