Andrej Platonovs Roman „Unterwegs nach Tschevengur“

Von Sylvia List

Von allen in den letzten Jahren wiederentdeckten Werken der sowjetischen Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre ist dies sicher eins der wichtigsten und merkwürdigsten: ein Arbeiter-, Bauern- und Soldatenroman aus der Zeit des Bürgerkriegs, entstanden in den Jahren 1928/29, in der Sowjetunion bisher nur auszugsweise veröffentlicht –

Andrej Platonov: „Unterwegs nach Tschevengur“, Roman, aus dem Russischen von Swetlana Geier; Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied 432 S., 24,80 DM.

Die Verlagswerbung weist zaghaft auf eine „ferne Verwandtschaft“ mit Bulgakow und Babel hin, doch gehen dem Roman Platonovs das Mondän-Satirische wie das Exotisch-Abenteuerhafte dieser beiden Autoren ab. Andererseits fehlen aber auch jegliches Aufbaupathos und der schollenverhaftete Realismus, den man angesichts des proletarischen Personals vielleicht erwarten könnte.

Auch Gorkij, dem Platonov 1929 das Manuskript zur Begutachtung geschickt hatte, war eher ratlos. Er machte Platonov die „lyrisch-satirische“ Darstellung der Wirklichkeit und die „ironische“ Zeichnung der Menschen zum Vorwurf: Sie erschienen dem Leser „nicht so sehr als Revolutionäre denn als Sonderlinge und Verrückte“. Das war nicht nur „natürlich für die Zensur unannehmbar“, sondern ebenso für Gorkij selber, der wohl mit einer eindeutigen Satire auf die frühsowjetischen Verhältnisse eher etwas hätte anfangen können als mit Platonovs zärtlich-sanfter Nachsicht.

Für den damals dreißigjährigen Platonov jedenfalls bedeuteten Gorkijs Bemerkungen, daß der Roman endgültig zum Schubladendasein verurteilt war. Ein Kapitel daraus, mehr nicht, war ein Jahr zuvor im „Nowyj mir“ erschienen, und es gelang Platonov noch, 1929 die Erzählung „Die Entstehung eines Meisters“ (auf deutsch in dem Band „Die Kutschervorstadt“) zu veröffentlichen, die die Vorgeschichte des Romans enthält, sowie 1931 die bisher unübersetzte Armenchronik „Vprok“; dann geriet er zunehmend in Schwierigkeiten und in Vergessenheit. 1951 starb er an Tuberkulose.