„Als Mutter streikte“, Roman von Eric Malpass. Eine Frau, die ihre Familie im Stich läßt – was für ein Thema im Zeitalter der Emanzipationen und Selbstverwirklichungen! Malpass scheint das Thema jedoch unwichtig im Vergleich mit einer Kette von altbekannten urkomischen Zwischenfällen, die seit fünfzig Jahren in Stummfilmen und englischen Kaminschmökern geschätzt werden. Da steckt ein Pfarrer in alles seine Nase, ohne jemals etwas zu merken. Da blüht der Dorfklatsch per Telefon. Da taucht eine hinreißend schöne Person als Haushälterin in der mutterlosen Familie auf (was ihr keiner glaubt), da wird eine abgrundhäßliche alte Jungfer als Hexe verschrien (wogegen niemand etwas unternimmt), da wirkt sich die Mutterlosigkeit der Familie nur auf höherer Ebene aus: Eine Tochter schreibt anonyme Briefe, die das ganze Dorf in Aufruhr bringen. Die andere Tochter verliebt sich in den falschen jungen Mann, der sie sitzen läßt, der Sohn treibt in der Schule einen schwungvollen Handel mit Butterbroten, was den Vater fast ruiniert, aber mit dem Kochen klappt es nur ein einziges Mal und nur aus dramaturgischen Gründen nicht: am Heiligen Abend und in dem Moment, in dem Mutter heimkehrt. Mit wem, woran und wovon sie, die kein Vermögen besitzt, elegant und üppig sechs Monate lang durch die Welt reiste, erfährt die Leserin allerdings nicht. Man muß schon zufrieden sein, daß die älteste Tochter zum Schluß doch den Richtigen heiratet, und trägt als Lesefrucht nach Hause, daß die englischen Männer unübertreffliche Trottel sind und Emanzipation tatsächlich Zeitverschwendung wäre. (Aus dem Englischen von Anne Uhde; Rowohlt Verlag, Reinbek; 167 S., 18,50 DM.)

Sybil Gräfin Schönfeldt

„Künstliche Sonnen – Bilder aus der Realitätsproduktion“, von Alfred Behrens. Was der Autor unter Realitätsproduktion versteht, verdeutlicht allenfalls die erfundene Expertise einer Werbeagentur über Motive der „Urlaubsverweigerung“ in den achtziger Jahren: Im Gegensatz zu den lustvoll dem Selbstmord entgegenreisenden „Thanatomanen“ bleiben die Resignierenden zu Hause und basteln mit Hilfe prachtvoller Prospekte Superbilder ihrer Idealferienkulisse. Sie haben die Konsequenz aus der allgemeinen Erfahrung gezogen, daß an Stelle der Reisequalität die Prospektästhetik perfektioniert wurde. Es sind die wahren „Urlaubspioniere“, die der sanierungsbedürftigen Touristikbranche nur bestätigen, daß auch hier – wie überall – das Abbild und nicht mehr das Produkt konsumiert wird. Behrens’ PR-Erfahrung artikuliert sich in einigen intelligenten Gags. Doch die Absicht, „heutige Wirklichkeit als eine weitgehend produzierte Realität“ zu demonstrieren, schlägt ins Gegenteil um. In „Der große Traumraum“ zwingt „Jack The Tripper“ seine Gegner aus dem Körper hinaus und transportiert sie mittels audiovisueller Elektronik in die Bewußtseinsdimension ihrer Idole (Humphrey Bogart, Janis Joplin). Zwei weitere „Erzählstränge“ und ein privates Dossier ergänzen das Leselotto. Nach der Cut-Up-Methode sind die Texte zerschnipselt. Aber man kann sie auch, jeweils mehrere Seiten überblätternd, kontinuierlich lesen. Die persönlichen Reflexionen des Autors summieren sich zum langweilenden Ego-Kassiber: „Ich brauche ein Stativ für meine Super 8“ – „...nachmittags um drei Anruf vom Südwestfunk“ – „Was noch alles auf meinem Tisch liegt...“ (unter anderem das Buch „Gesellschaftsausweise – Social Science Fiction“ von Alfred Behrens) – „Mirk ... sagt leg mal die Hand auf meinen Bauch da ist ein Arm oder ein Bein. Ich höre auf zu stoßen und wir gucken zu wie das Kind tritt und tritt... – „Eines Tages werde ich einen Essay schreiben. Über das Entstehen der Bücher beim Bumsen.“ Wenn’s denn sein muß. (Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 135 S., 16,– DM.) Egbert Hoehl