Wenn „bei den anderen die große Sommerflaute kommt“, beginnt bei Dieter Wilbrand das große Geschäft: Der Kölner Galerist legt jetzt zum zweiten Male in Buchform seine „Internationale Graphik des 20. Jahrhunderts“ vor. Das Wilbrand-Werk, auf 240 Seiten 600 Graphiken von 210 Künstlern, ist laut Wilbrand einmalig: „Es gibt keinen Katalog dieser Art irgendwo sonst.“

Das „einmalige Werk“ erhebt einen großen Anspruch. Es soll ein Informationsbuch über Graphik sein, das insbesondere Anfängern Übersicht verschafft. Weil es informieren soll, „muß alles drin sein“ (Wilbrand) und nicht nur das, was am Graphikmarkt gerade geht. Dem Buchcharakter entspricht auch der Vertriebsweg: Kunstbeflissene Buchhändler verkaufen das Werk zum Stückpreis von zwanzig Mark.

Dem Informationswert des Buches sind freilich Grenzen gesetzt. Gut sind die Abbildungen – jedes Blatt ist abgebildet –, die Preisangaben und die exakten Angaben zu jeder Graphik. Die Preisangaben vermitteln Kunstkäufern einen Maßstab, was Graphik in etwa kosten darf. Zu beachten ist dabei: Wilbrand ist zwar einer der größten deutschen Graphik-Versender, ein „billiger Jakob“ aber ist er nicht. Die Preise bewegen sich auf dem Niveau der hierzulande üblichen Galeriepreise, und die üblichen Händlerspannen sind auch aufgeschlagen.

Der Informationswert leidet automatisch unter dem kommerziellen Charakter des Angebots. Denn Wilbrands Graphikbuch ist zugleich auch das Verkaufsangebot der Galerie Wilbrand. Das heißt: Von einzelnen Künstlern werden manchmal nicht die wichtigsten und besten Arbeiten gezeigt, sondern das, was gerade am Markt ist. Hinzu kommt die Gefahr, daß Wilbrand sein Angebot auf den Geschmack trimmt, der von der Mehrzahl seiner Kunden gerade goutiert wird. Laut Wilbrand ist diese Gefahr nicht übermäßig: „Ich gehe eigentlich nicht stärker auf die Verkaufstrends des Vorjahres ein.“

Im vorigen Jahr gingen sehr gut: Als „Renner“ Uwe Bremer (fragwürdiger, dafür sehr bunter Surrealist), Meckseper (Stilleben-Experte), Sex-Surrealist Wunderlich und die bunten Blätter der Konstruktivisten wie Albers und Vasarely. Surrealisten verschiedener Schattierungen und Graphiken der Konstruktiven nehmen auch im neuen Angebot breiten Raum ein. Als „Renner“ des Jahres sagt Wilbrand diesmal Joseph Beuys voraus.

Trotzdem ist der Informationswert des Wilbrand-Kompendiums nicht zu unterschätzen. Das zeigt sich beim Vergleich mit den Lagerkatalogen deutscher Galerien. Da gibt es nichts, was in der Qualität der Präsentation oder in der Breite des Angebots mit dem Kölner mithalten könnte. Wilbrand, den Kollegen gern als „Gemischtwarenhändler der Graphik-Branche“ klassifizieren, hat sich weder auf eine Kunstrichtung noch auf ein bestimmtes Land spezialisiert – ein Vorteil für den Kunstkonsumenten.

Für eine frische Spritze Internationalität sorgt im neuen Katalog die Edition der documenta-Foundation. Die Foundation bietet ihre Graphik-Editionen, die aus Anlaß und zur Finanzierung der Kasseler documenta entstanden sind, exklusiv über Wilbrand an. Darunter Blätter und Objekte von: Graubner, Lichtenstein, Wesselmann, Tilson, Sugai und Rauschenberg.