Freiburg

Ihr größter Wunsch sind seit Jahren regendichte Fenster. Sie warten auch darauf, daß die Fußböden, deren Planken noch von den Soldaten des Ersten Weltkrieges geschrubbt wurden, erneuert und die Elektroleitungen abgesichert werden: 615 Personen, davon 34 Prozent Kinder und Jugendliche, insgesamt 260 Haushalte in 232 Wohnungen, die in der Freiburger Artilleriekaserne unter menschenunwürdigen Verhältnissen hausen müssen. Für sie gibt es kein einziges Bad, sie begnügen sich mit einer Wasserzapfstelle pro Wohnung in der Küche. Vier Familien müssen sich in eine Toilette teilen, die jeweils am Ende eines langen Ganges liegt.

Bei den Haushalten mit fünf und mehr Personen beträgt die Wohnfläche pro Kopf 8,3 Quadratmeter, was der Belegung einer üblichen Drei-Zimmerwohnung mit zehn Personen entspricht. Kurz: Ein Slumgebiet in städtischem Besitz.

Nur ein Gebäude sticht aus dem Komplex leuchtend hervor: das Staatliche Eichamt, das die bisher allzuoft geäußerte Entschuldigung der Verantwortlichen Lügen straft, eine Renovierung der Kasernen sei nicht möglich. Während die Stadt Freiburg mit ihrer Siedlungsgesellschaft einen neuen Wohnblock nach dem anderen in die Höhe gezogen hat und gerade im Begriff ist, 70 Wohnungen aus den 50er Jahren abzureißen, hat sie die Artilleriekasernen systematisch verrotten lassen. In den letzten fünf Jahren investierte man hier für Renovierungen insgesamt nur 336 000 Mark; die jährlichen Mieteinnahmen beliefen sich dagegen auf 300 000 Mark. Man buchte sie als städtischen Profit ab. Die Rechnung auf Kosten der Schwächsten, die sich nicht artikulieren konnten, schien aufzugehen, bis nun die SPD-Gemeinderatsfraktion den Mut aufbrachte, die skandalösen Zustände im Stadtparlament zur Sprache zu bringen.

Aber auch sie tat das erst, als der Haushalt verabschiedet war, in dem die Ausgaben für die Sanierung des gesamten städtischen Altbaubesitzes auf 500 000 Mark zusammengestrichen worden waren. Die Kasse ist leer, die Verlegenheit bei allen – mitschuldigen – Parteien recht groß.

Zur Generalsanierung wären nach den ersten Schätzungen 20 Millionen Mark nötig. Um gleichsam von den eigenen Versäumnissen zunächst einmal abzulenken, beschuldigte der Spreder der CDU die Presse, durch eine ausführliche Berichterstattung über die Notstände dem Image des Stadtquartiers geschadet zu haben. Als ob hier überhaupt noch etwas zu verschlechtern wäre! Im Gegenteil: Den Bewohnern kann unter den gegebenen Umständen nichts Besseres geschehen, als die städtischen Wohnungen so schnell wie möglich zu verlassen. Hans Otto Fehr