Von Petra Kipphoff

Karin Struck, die Autorin, Karin, die Ich-Erzählerin des Berichts „Klassenliebe“, beschreibt ihre Lage so: „Geschnitten von beiden Seiten. Kaum bin ich eine ‚Intellektuelle‘, stoßen mich die Arbeiter weg, intellektuellenfeindlich aus Angst und Minderwertigkeitskomplexen, stoßen mich die anderen weg, weil ich gar keine ‚richtige‘ Intellektuelle bin und nie sein werde.“ Das klingt ein bißchen emotional und obsolet, denn zumindest die Intellektuellen selber, die die unio mystica mit dem Arbeiter so perlend geläufig vorbeten, könnten doch inzwischen von ihrer eigenen Aufklärungsarbeit auch etwas fürs tägliche Leben profitiert haben. Denkt man. Aber jetzt bekommt Karin Struck nicht nur von den Connaisseuren der Literatur verwiesen, daß sie das Wort Scheiße zu oft gebraucht, jetzt kriegt sie für die „Klassenliebe“ auch Klassenkeile. Einen „Kolportageroman über Liebes- und Eheaffären unter Intellektuellen, die viel über Arbeiter reden“ nannten die Herren von konkret dieses Buch, die selber so gern über Arbeiter schreiben.

„... dieses ewige ‚Scheiße‘-Sagen ist nur ein Möchtegernkraftakt, das Scheißen im Gerichtssaal auch“, schreibt Karin Struck und verwendet das Wort trotzdem gern und oft. „Was gehen uns die Parolen der linken Bürgersöhnchen an, Literatur sei Scheiße? Gar nichts“, schreibt Karin Struck und lebt doch, inmitten dieser Parolendrechsler und gesteht: „... bei mir bringt die Liebe zu Z. alles ins Rollen.“ Z.: das ist die Inkarnation eines linken Bürgersöhnchens.

Mit anderen Worten: Karin Struck hat keine Linie, sondern einen eigenen Zickzackkurs, sie hat den Mut zur Inkonsequenz, und deshalb ist sie ein so gefundenes Fressen für scharfsichtige Kritiker. Die einen vermissen die geschliffene Form, die anderen die gepfefferte Botschaft. Was den einen nicht in den ästhetischen und den anderen nicht in den ideologischen Kram paßt: daß Karin Strucks einziger unverblümter Anlaß für dieses Buch sie selber ist – „... ich muß schreiben, einen Rosenkranz besitze ich leider nicht... So verfolge ich ausdrücklich meine Wurzeln nach rückwärts ... Schreiben als Beschwörung meiner selbst.“

Selbstbeschwörung einer Fünfundzwanzigjährigen, die sich zwischen zwei Welten durchzuboxen versucht auf der einen Seite ihre Arbeiter-Eltern, die kommunistischen Parolen und den neuen Kenntnissen und Bekenntnissen ihrer Tochter mißtrauen, auf der anderen ihre linken Freunde, die ihr zwar das Bewußtsein für ihre Konfliktsituation, diese ganze „Psychoscheiße“ beigebracht haben, aber dann mit ihrem Scheiß-Latein am Ende waren. Karin Struck wächst daran und wehrt sich dagegen auf ihre Weise. Sie stopft sich voll mit Leben, Liebe, Lektüre, heißhungrig, und dann erbricht sie sich, spuckt die Hälfte wieder heraus. Und so gibt es auch das in diesem Buch, und nicht zu knapp: unverdaute Lesefrüchte, Teil-Einsichten, reproduzierte Binsenweisheiten.

„Was mich so fasziniert an autobiographischen Skizzen: die Möglichkeit, direkt zu sein.“ Diese Möglichkeit exerziert Karin Struck durch, um irgendwo zur Ruhe zu kommen im Chaos der Sehnsüchte, Möglichkeiten und Beschränkungen, um irgendwann zu Z. zu finden, dem die Möglichkeit, direkt zu sein, so unmöglich ist. Z., der „Massen von Dichtern“ kennt, der für seinen Frauenverbrauch die maßgeschneiderte These von der „sozialisierbaren Liebe“ parat hat, der ihr zur Abtreibung rät, weil er nicht „hineingezogen“ werden möchte, der dem „aufsteigenden’ Arbeiterkind“ Karin so schön doziert, „sozialer Aufstieg sei neurotogen und schizofrenogen“, und der ihr einen Tonbandbrief schickt: „... ich liebe deine Liebe sozusagen, aber ich bin da wirklich gehemmt und bitte dich, laß mir ein wenig Zeit das zu bedenken und zu klären und die Identität wiederzufinden, deine und meine, die nur eine gemeinsame oder potentiell gemeinsame sein kann, wenn sie auch für sich allein eine Identität ist...“ Z., das bringt die „Möglichkeit, direkt zu sein“ hier zutage (und wahrscheinlich sehr gegen die Absicht von Karin Struck), ist ein Mensch, dessen intellektuelle Gaben und menschliche Möglichkeiten nicht ganz Schritt halten mit seinen Ansprüchen und Aussprüchen. „Mein Wunsch, abends nach Hause zu kommen und Z. anfassen zu können“ – solche Sätze zu schreiben oder sich ihnen auszusetzen ist er nicht mehr fähig.

Dieser Bericht ist in der Tat oft nahe daran, in einen „Kolportageroman über Liebes- und Eheaffären unter Intellektuellen, die viel über Arbeiter reden“, umzuschlagen; aber das liegt nicht an der Autorin, sondern an der Vorlage, die das Leben lieferte und die zu frisieren oder stilisieren sie nie vorgibt. Was dieses Buch zu einem „Roman“ macht, weiß hoffentlich wenigstens der Verleger.

Irgendwo, das war zu erwarten, gerät Karin auch der „Werther“ wieder zwischen die Finger: „Wie schwach das Buch ist gegen meine Leiden.“ Womit die Schwäche und die Stärke des Buches, das aus diesen Leiden entstanden ist, genau bezeichnet sind.