ARD, Sonnabend, 2. Juni: „Im Medienland“ (Jung sein, alt werden)

Die Sendung heißt Im Medienland und ist, da sie neunzig Minuten dauert, eineinhalb Stunden zu lang. Das einzig Positive, was sich über sie sagen läßt, ist dies: Sie fördert die Phantasie des Betrachters am Bildschirm, indem sie ihn zu der Überlegung veranlaßt, welche anderen Sendungen er am Samstag zwischen Viertel nach drei und Viertel vor fünf hätte sehen können... Darbietungen, die er, der um diese Zeit angesprochene jugendliche Zuschauer, versäumen mußte, weil sie der Ratschluß von Fernseh-Oberen um Mitternacht angesetzt hatte (oder kurz davor), zu einer Tageszeit also, wo er schlafen mußte (Unterrichtsanfang sieben Uhr dreißig), schlafen wie der Arzt (Beginn des Operationsprogramms um sieben), der Lehrer, die Hausfrau, all die für dumm Verkauften, denen man Berichte wie den Vietnam-Report über Nixons Wintersoldaten oder Dagobert Lindlaus faszinierende Analyse der modernen Hirnforschung vorenthält.

Wenn die Nacht sich neigt, heißt die Maxime, zeigen wir, was eine Harke ist, da wird vorgeführt, was wir können, am Samstagnachmittag hingegen (vom Abend zu schweigen) bedienen wir die misera plebs. Ein bißchen Pop, ein bißchen Rock, ein bißchen Pep (nur, bitte nicht zu viel davon), das Thema ist nicht so wichtig.

Und also spielte dann eine Damengruppe, die auf den Namen Birtha hörte, rhythmische Weisen (und plauderte dazwischen über Jugend und Alter), sprach Walter Arendt über die Sozialversorgung, trug ein Bildhauer in der Form von Absurditäten Tiefsinniges zum Thema bei (mißtraue deinem Auge, glaub deinem Ohr, na bitte, jetzt wissen wir es), sollten Werbespots (aber in komischer Form) den Juvenilitätskult enthüllen, redete ein Physiker über Einsteins vierte Dimension und ein Schönheitschirurg über das Honorar, das ein face lifting kostet (tertium comparationis zwischen beiden Beiträgen: das Problem der Verjüngung – hier mittels Lichtgeschwindigkeit, dort mittels Faltenentfernung).

Und weiter ging’s, neunzig Minuten sind lang, da kann man getrost von der Drogenromantik auf Humboldt, von Humboldt (Bildung und Politik, vielleicht geht das nicht, ein goldenes Wort folgte dem anderen in dieser Sendung) auf die Pille, von der Pille auf Jürgen Echternach, von Echternach auf die Frühpensionäre (Uwe Seeler unter ihnen), von den Frühpensionären auf den Geschlechtsverkehr der Sechzehnjährigen kommen ... ein Thema, das die Entertainer vom SFB mit der Schrifttafel Opas sex ankündigten – und indem sie das taten, standen sie plötzlich, mich hat’s nicht überrascht, als Zyniker da. (Welcher Ideologie folgend: das steht in einem für die Alten von morgen geschriebenen Buch, das auf jeder Seite mehr Informationen enthält als das gerontologische Bildschirm-Potpourri in neunzig Minuten. Das Buch von Rudolf Schenda heißt Das Elend der alten Leute. Nicht nur die Medienland-Geschädigten sollten es lesen.)

Und da wagt man es, Filme wie den über die Wintersoldaten abends um 22 Uhr fünfzig zu bringen! Momos